Patrik Frauzem

Wie gehen Sie mit Stress um? Ist er einfach da und dann irgendwann wieder weg? Haben Sie Maßnahmen, die Sie ergreifen können, wenn es mal wieder einfach zu viel wird? Wäre es nicht schön einfach entspannt und produktiv seiner Arbeit nach zu gehen, auch wenn dann doch mal im Büro ist? Wie schaffen Sie es trotz viel Stress und Arbeit bei sich zu bleiben? Das ist gar nicht so einfach. Genau damit beschäftigt sich Patrik Frauzem als Coach für entspannt-produktives Arbeiten. Nachfolgend hatte ich Gelegenheit für ein kleines Interview:

KITP: Wie kommt es, dass du dich auf das Thema Stressbewältigung und entspannt-produktives Arbeiten spezialisiert hast? Gibt es dazu vielleicht eine persönliche Geschichte?

Das entspannt-produktive Arbeiten – Achtsamkeit und Gelassenheit bei gleichzeitiger Produktivität – ist aus verschiedenen Interessen zu meinem Thema „zusammengewachsen“.

Zunächst die persönliche Geschichte: Ich habe einige Jahre in Jobs gearbeitet, in denen viel Druck aufgebaut wurde, um Ziele zu erreichen. In der Kreativwirtschaft, in der ich lange unterwegs war, ist ein hoher Stresspegel Normalität und wird ironischerweise gerade von den MitarbeiterInnen getragen und aufrechterhalten: „Gestern war ich wieder bis 23 Uhr hier! Ja, das musste einfach fertig werden.“ Kompensiert wird Überarbeitung dann mit Frust, vielen Fehltagen und hoher Fluktuation. Ich habe einige KollegInnen ins Burn-out schliddern sehen und war selbst auch kurz vor einem Totalausfall.

Gestern war ich wieder bis 23 Uhr hier!

Das war der Auslöser, mich intensiver mit Belastungen am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen. Nach einem Abstecher in die Arbeits- und Organisationspsychologie habe ich mich für eine Coaching-Ausbildung entschieden und helfe heute Menschen, auch bei Hochdruck gelassen zu bleiben. Dabei geht es mir um ein ausgewogenes Verhältnis von Produktivität, Zufriedenheit und Gesundheit im Job. Gelassenheit heißt nämlich nicht, sich zurückzulehnen und nichts zu tun, sondern gerade in Belastungssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Und dann ist da noch die „Generation Y“, zu der ich selbst gehöre und die unsere gewohnte Arbeitswelt – gemeinsam mit der fortschreitenden Digitalisierung – mächtig zum Schwanken bringt. Anders als unsere Elterngeneration wollen wir kein lebenslanges Abarbeiten für einen ruhigen Ruhestand, sondern suchen Erfüllung und Entfaltung im Moment, im Leben wie im Job. Und wer das nicht in einer Selbstständigkeit sucht, wird zwangsläufig im Spannungsverhältnis des entspannt-produktiven Arbeitens landen. Hier unterstütze ich dann gerne bei der konkreten Ausgestaltung!

KITP: Was sollten Führungskräfte über Stress wissen, wenn sie Aufgaben delegieren? Welche Stolpersteine und Fallstricke sollte der Vorgesetzte in seiner Kommunikation beachten?

„Jeder Kopf ist eine Welt“, so lautet ein kubanisches Sprichwort. Jeder von uns ist durch seine Erziehung und Sozialisierung, aber auch durch die eigenen Erfahrungen im Berufs- und Privatleben auf eine ganz bestimmte Art geprägt. Wenn Herr Schäfer Aufgaben an Frau Schmitz delegiert, bedenkt er oft nicht, dass sie ein ganz anderes Paket an Vorannahmen und Werturteilen, Wünschen und Bedürfnissen mit sich rumträgt, auf dessen Basis sie kommuniziert und handelt.

Jeder Kopf ist eine Welt

Eine Schlüsselqualifikation für effektive Kommunikation am Arbeitsplatz ist daher Empathie: die Fähigkeit, sich in die Einstellungen eines anderen Menschen einzufühlen. Wenn ich als Führungskraft weiß, welche Motive, Wünsche und Hoffnungen meine MitarbeiterInnen antreiben, kann ich ihre Handlungen besser verstehen und eine Zusammenarbeit gestalten, die sowohl auf die Unternehmensziele einzahlt als auch auf die Bedürfnisse der MitarbeiterInnen.

…Zusammenarbeit auf Augenhöhe überhaupt erst möglich zu machen

Wichtig: Es geht nicht darum, MitarbeiterInnen zu manipulieren; Ihre Ängste und Hoffnungen anzuzapfen, um sie zu bestimmten Handlungen zu bewegen. Das ist für mich Teil einer Top-Down-Führung, bei der mit Drohung, Druck und Strafe gearbeitet wird. Es geht viel mehr darum, sich aus der Bequemlichkeit einer vermeintlichen Machtposition herauszubewegen, sich verletzbar zu zeigen und dadurch Zusammenarbeit auf Augenhöhe überhaupt erst möglich zu machen. In meiner Coaching-Ausbildungsgruppe gab es zwei Führungskräfte, die bereit waren, eigene Muster zu reflektieren, um eine bessere Zusammenarbeit in ihrem Team zu erreichen. Das ist für mich engagierte Führungsarbeit!

KITP: In vielen Unternehmen ist Stress noch immer eine Art von Auszeichnung und wird mit Engagement gleichgesetzt. Wie kann man dieser dysfunktionalen Überzeugung begegnen, grade auch im Top-Management?

Das überrascht mich immer wieder, denn die mittel- und langfristigen Folgen dieses Denkens sind doch längst bekannt. Stetige Überlastung und ein ungesunder Umgang mit Stress führen zu erhöhten Fehlzeiten und hoher Mitarbeiterfluktuation.

Wenn die Fluktuation im Unternehmen hoch ist, kann sich auch nie Wissen ansammeln. Und das wäre doch so wichtig für die Innovationskraft und Marktfähigkeit eines Unternehmens: mit MitarbeiterInnen gemeinsam Dinge aufbauen, Durststrecken aushalten, Produkte und Dienstleistungen perfektionieren (statt sie auszubrennen).

Stress und Burn-out kosten die deutschen Arbeitgeber aufgrund reduzierter Produktivität mehr als acht Milliarden Euro im Jahr

Ganz zynisch gesprochen, können Arbeitgeber froh sein, wenn die MitarbeiterInnen das Unternehmen verlassen, denn Krankschreibungen aufgrund psychischer Belastung haben eine durchschnittliche Dauer von 40(!) Arbeitstagen. Stress und Burn-out kosten die deutschen Arbeitgeber aufgrund reduzierter Produktivität mehr als acht Milliarden Euro im Jahr. Außerdem besteht das Risiko der Frührente, die schon in 43 Prozent aller Fälle aufgrund psychischer Erkrankungen erfolgt. (Daten aus 2014)

Dass vor diesem Hintergrund – und über Stress wird von Seiten der Ministerien, Gewerkschaften, Krankenkassen wirklich viel Aufklärung betrieben – Stress in vielen Unternehmen immer noch als Auszeichnung verstanden wird, irritiert mich sehr! Lange wird sich die Wirtschaft eine solche Einstellung nicht mehr leisten können.

KITP: Was hast Du im kommenden Jahr vor? Neben Podcasts und Videos tut sich auf deiner Webseite ja einiges.

Grundsätzlich will ich Menschen weiterhin dabei unterstützen, Stress und Konflikte am Arbeitsplatz in den Griff zu kriegen und produktiv, zufrieden und gesund zu arbeiten. Dazu werde ich in diesem Jahr meine Reichweite deutlich erhöhen und meine Botschaft in die Welt tragen. Ein Instrument dazu ist mein neuer Podcast „Gelassenheitsgestalter“, auf den ich besonders stolz bin. Aber auch weitere Kooperationen wie unser Interview sind angedacht.

https://itunes.apple.com/de/podcast/gelassenheitsgestalter/id1190405954

Außerdem launche ich im Frühjahr 2017 mein erstes Online-Coaching-Programm, bei dem ich sechs Wochen lang Menschen auf ihrem Weg begleite: raus aus dem Stress, rein in ein entspannt-produktives Arbeiten. Darüber kann man sich jetzt schon informieren und unverbindlich voranmelden.

Gelassenheitsakademie · Reduziere Stress im Job und bleib auch bei Hochdruck gelassen

Bei all dem möchte ich natürlich selbst gelassen bleiben und entspannt-produktiv arbeiten. 🙂 Da mein Business ortsunabhängig funktioniert, plane ich im kommenden Jahr zwei Arbeitsphasen außerhalb Deutschlands und freue mich auf neue Eindrücke und Inspiration.

Lieber Patrik, vielen Dank für deine Zeit und dieses aufschlussreiche Interview!

Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!