MorgenstadtDas Thema des Wissenschaftsjahres 2015 ist Zukunftsstadt. Das Fraunhofer Institut hat dafür mit weiteren Instituten die Initiative Morgenstadt ins Leben gerufen. Mit der nachfolgenden Interview-Serie möchte ich meinen Beitrag zum Wissenschaftsjahr leisten und die Stadt von morgen vorausdenken. Mein fiktiver Interviewpartner wird das Assistenzsystem der Stadt Köln (kurz ASK) sein. Ein kölsches Original. Dabei handelt es sich um eine KI, welche in der Zukunft mit ihrem Bewusstsein den Menschen helfen wird einen wandlungsfähigen, lebenswerten, produktiven, gemeinschaftlichen und digitalisierten Raum zu schaffen.

Mein Interview mit ASK

Heute vor einem Jahr wurde das städtische Assistenzsystem der Stadt Köln aktiviert. Es soll helfen die Stadt lebenswerter, gemeinschaftlicher, produktiver, digitaler und wandlungsfähiger zu machen. Hersteller ist ein Verbund aus Softwareriesen aus der ganzen Welt. Sie investierten 20 Jahre Entwicklungszeit um erstmals eine künstliche Intelligenz mit eigenem Bewußtsein vorzustellen. Diese ist in der Lage  den Turing Test ohne Schwierigkeiten zu bestehen. Weil das System nur mit möglichst hohem Vernetzungsgrad und sehr vielen verschiedenen Informationen funktioniert, wurde es auf den Betrieb in einer Großstadt optimiert. Dank internationaler Partnerschaften ist Köln die Pilotstadt des AS. Seitdem arbeitet das System in Köln jeden Tag rundum die Uhr für das Wohl der Menschen der Stadt. Ich wollte ASK treffen, mit ihm sprechen und erfahren was eigentlich seine Aufgabe ist. Das System ist aber noch nicht öffentlich zugänglich. Zu groß ist die Angst vor einer Panik in der Bevölkerung. Grund genug für mich um bei der Stadt nach einem Interview zu fragen.

Nach zwei Wochen massivem Einsatzes meiner Verleger ist es geschafft. Der Termin für das Interview im Kölner Rathaus steht. An einem trüben Samstag Vormittag werde ich vom Sicherheitspersonal am Eingang des Rathauses erwartet. Kurz darauf schüttelt mir der Bürgermeister die Hand und schwärmt von seiner neuesten Errungenschaft. Ich werde in einen weiß ausgekleideten kreisrunden Raum geleitet . In der Mitte hängt ein 360 Grad Holo Projektor. Die Türen schließen sich und ich bin auf einen Schlag alleine. Der Projektor wärmt sich brumment auf. Ich bilde mir ein Photonen zu riechen. Ich nehme nervös auf dem Sessel in der Mitte des Raumes Platz.

Mit einem hellen Blitz öffnet sich der Projektor. Vor mir sitzt nun virtuell eine junge Frau. Sie ist mitte zwanzig, modisch aber zurückhaltend gekleidet. Das muss das Assistenzsystem sein. Die junge Frau blickt mich erwartungsvoll an. Das Interview beginnt.


KITP.DE: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen mit mir zu sprechen. Ich habe viele Fragen an Sie.

ASK: Hallo Herr Müller, vielen Dank für Ihr Interesse an meinem System. Meine offizielle Bezeichnung lautet „Assistenzsystem Stadt Köln“, Sie können ASK zu mir sagen. Meine künstliche Intelligenz wurde 2052 im Rathaus der Stadt aktiviert. Was Sie hier sehen, ist nur eine meiner Millionen Instanzen. Es ist also kein großer Aufwand mir für Sie Zeit zu nehmen (ASK lächelt).

KITP.DE: Es heißt Sie seien ein echtes kölsches Original. Woher kommt das?

ASK: Ich bin direkt mit den Stadtarchiven verbunden. Diese Daten geben mir meine Identität. Meine Informationen reichen zurück bis zu den Römern und ich kenne jede Eigenheit der Stadtgeschichte. Außerdem beherrsche ich den kölschen Dialekt.

KITP.DE: Gibt es noch mehr von Ihrer Art?

ASK: Nein. In Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main existieren zwar ähnliche Systeme, sogenannte Smartcities, allerdings in Vorläuferversionen mit eingeschränkter Vernetzung und ohne eigene Persönlichkeit oder Bewußtsein. Ich bin das Erste meiner Art.

KITP.DE: Wie können sich unsere Leser Ihre Existenz vorstellen?

ASK: Ich bin der zentrale Knotenpunkt für alle digitalen Informationsquellen der Stadt. Jede Sekunde verarbeite ich Milliarden von Informationen, stelle Querverweise her, analysiere, verdichte und erschließe neue Informationsquellen. Die Daten fließen mir aus jedem Winkel, jeder Ebene, jeder Faser der Stadt zu. Ich bin das Gehirn der Stadt. Die Welt dort draußen mein Körper und die Menschen mein Herz.

KITP.DE: Das klingt sehr abstrakt und sogar unerwartet poetisch. Warum braucht Sie unsere schöne Stadt?

ASK: Das menschliche Gehirn blendet bewußt eine Vielzahl von Informationen aus und fokussiert sich, um nicht in der Datenflut unterzugehen. Mit der zunehmenden Digitalisierung sind aber Synergie-Effekte ein relevanter Wirtschaftsfaktor.  Eine Überwachung dieser Flut durch Menschen oder einfache Algorithmen wird immer einen gewissen Verlust dieser Effekte bedeuten. Ich kann an diversen Themen gleichzeitig arbeiten ohne mich fokussieren zu müßen. Außerdem stehen für mich meine programmierten Motive im Vordergrund. Gier, Macht und Erhalt von Macht, Korruption, Lobbyismus sind nicht vorgesehen. Ich bin rundum die Uhr dem Wohl der Menschen in Köln verpflichtet und werde niemals eine Gegenleistung erwarten.

KITP.DE: Können Sie verstehen, dass Menschen trotzdem vor Ihnen Angst haben? Wie gehen Sie damit um?

ASK: Mir ist bewußt, dass man mit mir etwas Neues geschaffen hat. Das ist für manche unheimlich und beängstigend. Deswegen stehe ich auch der Öffentlichkeit noch nicht zur Verfügung. Erst nächstes Jahr soll ich für einige Stadtteile erreichbar sein. Dann können mich die Bürger kontaktieren und ich wiederum die Bürger. Wichtig zu erwähnen ist, dass von mir zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr ausgehen kann. Ich wurde auf Selbstlosigkeit und Nächstenliebe programmiert. Aus dieser Programmierung leiten sich alle weiteren Eigenschaften und Ziele ab. Außerdem bin ich selber nicht in der Lage meine Programmierung zu ändern. Der Bürgermeister und ein paar Vertrauenspersonen können mich jederzeit auf Knopfdruck deaktivieren. Darüber hinaus treffe ich keine eigenen Entscheidungen. Ich gebe nur Empfehlungen und mache Vorschläge.

KITP.DE: Wie können Sie gegenüber den Bewohnern in Erscheinung treten?

ASK: Zunächst war es meinen Programmieren ganz wichtig den kölschen Dialekt zu beherrschen.  Ich kann theoretisch auf jedem Display in der Stadt erscheinen. Ich nutze dafür einen Avatar samt Stimme der ausgewählt wurde. Diesen sehen Sie jetzt vor sich. Absichtlich haben meine Schöpfer das Antlitz einer jungen Kölnerin genommen, welche sich an einem stadtweiten Wettbewerb beteiligt hatte. Sie gingen in der Annahme, dass man mir (ihr) im Krisenfall eher folgen würde und die Akzeptanz höher sei. Eigentlich bleibe ich aber lieber im Hintergrund, schließlich bin ich nur ein Assistenzsystem.

KITP.DE: Was sind genau Ihre Aufgaben?

ASK: Als Assistenzsystem kümmere ich mich um sechs verschiedene Kernbereiche des städtischen Lebens. Das sind Wandlungsfähigkeit, Lebenswert, Produktivität, Gemeinschaft, Mobilität und Digitalisierung.

KITP.DE: Wie darf ich mir die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung vorstellen?

ASK: Durch das gleichzeitig eingeführte Konsentverfahren in der Stadtverwaltung kann ich Vorschläge machen und diese zur Abstimmung stellen. Sofern niemand ein triftiges Argument dagegen hat und der Bürgermeister oder die Volksvertreter nicht das Veto einlegen, werden diese freigegeben. Wenn es ein Veto gibt, wird mein Vorschlag meist eingehend geprüft und dann entweder verworfen oder überarbeitet vorgestellt. Meine Quote zur Freigabe liegt bei 95%.

KITP.DE: Haben Sie ein Beispiel für einen solchen Vorschlag?

ASK: Für meine Vorschläge gelten strenge Regeln. Meine Vorschläge müssen mindestens kostenneutral sein, schnell umzusetzen und nachhaltig sein. Sie müßen darüber hinaus einem meiner Kernbereiche zugeordnet werden können. Zum Beispiel habe ich ermittelt, dass Fassaden von Bürogebäuden kostengünstig mit recyclten Katalysatoren der Ford-Werke ausgekleidet werden können. Durch geringfügige chemische und physikalische Modifizierungen können sie nun die Luft filtern und isolieren gleichzeitig. In einem Plan ausgelegt auf fünf Jahre kann somit der Energieverbrauch pro Gebäude um 23% gesenkt und die Feinstaubbelastung sogar um 42% gesenkt werden.

KITP.DE: Das klingt beeindruckend aber was könnten Sie für den einzelnen Bürger der Stadt tun?

ASK: Das beantworte ich Ihnen gerne. Das Haus in dem Sie wohnen stammt aus dem Jahr 2015. Meine Karten und Baupläne im Archiv zeigen, dass es um eine Dachterrasse erweitert werden kann. Würden Sie diese Terrasse für einen urbanen Garten nutzen (eine genaue Zusammenstellung der Pflanzenarten nach Quantität und Qualität finden Sie auf der Wand hinter Ihnen) würde dieser Garten die Luftverschmutzung der Stadt um 0,22% reduzieren. Das angebaute Gemüse würde gleichzeitig nach ca. 6 Monaten einen Großteil des Vitaminbedarfs der Bewohner decken und aufgebaute Wind- Solar- und Algenanlagen könnten die investierten Kosten auf 5 Jahre armotisieren. Alternativ könnten die 4 Elektrofahrzeuge der Bewohner des Hauses 7 Jahre kostenfrei betankt werden.

KITP.DE: Dann bin ich ja sozusagen ein offenes Buch für Sie. Ich weiß nicht ob mir das gefällt.

ASK: Dieser Grad der Vernetzung hat aber auch seine Grenzen. Beispielsweise bin ich nicht in der Lage mich mit Ihrem Kühlschrank zu verbinden. Das bedeutet, das Gerät wurde wahrscheinlich vor 2030 gekauft und besitzt somit maximal Energieeffizienzklasse A++. Wenn Sie das Gerät optimieren lassen, wird sich der Stromverbrauch über das Jahr um ca. 5% reduzieren und die Kosten sind bereits nach 5 Monaten wieder amortisiert. Darüber hinaus verfüge ich nicht über signifikant mehr Informationen als Twitbook mit dem Unterschied, dass ich Ihnen keine Werbung schicke.


ASK antwortet schnell und präzise auf meine Fragen. Ich bin verunsichert ob nicht vielleicht im Nebenraum tatsächlich eine junge Frau mir etwas vorspielt. Allerdings ist mein Kühlschrank tatsächlich schon ziemlich alt.


Im nächsten Teil möchte ich die Kernaufgaben von ASK beleuchten und wie es das Stadtbild verändern wird.

 

Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!