Ach ja, die lieben Kollegen. Obwohl die Spülmaschine in der Kaffeeküche eigentlich leer ist, stehen trotzdem allerlei Tassen, Gläser und Schüsseln in der Spüle. Es soll  Zeiten gegeben haben, da hat das Ein- und Ausräumen der Spülmaschinen durch die Kollegen tatsächlich funktioniert. Das muss entweder sehr lang her sein oder aus dem Reich der Mythen und Sagen stammen in dem noch Poseidon auf dem Monster von Loch Ness durch Mittelerde ritt. Womöglich bringe ich hier etwas durcheinander.

Ganz frei von jeglichem Mythos ärgern sich heute die Kollegen nicht nur über volle Spülen oder alternativ volle Maschinen, sondern auch über leere Kaffeekannen, vertrocknete Pflanzen, nicht zurückgerollte Bürostühle, zerrupfte Präsentationstische, dutzende angebrochene aber nicht entleerte Wasserflaschen. Mir fallen tausende Dinge ein. Dieses und Weiteres würde ich zu einem Sammelsurium von sozialem Abfall zählen. Dieser entsteht scheinbar unwillkürlich in der täglichen Zusammenarbeit.

Zusammen mit dem Müll werden dann vorzugsweise weiße Din A4 Blätter mit Warnhinweisen verbreitet „Wer leer macht, macht voll!“. Natürlich ohne Wirkung.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es tatsächlich fernab von griechischer Mythologie und Peter Jackson Filmen Unternehmen gibt, die weit weniger mit diesen Dingen zu kämpfen haben. Aber woran liegt das? Die Größe der Organisation scheint keine Rolle zu spielen. Schließlich ist es einer Schüssel mit eingetrockneten Nudelresten völlig egal, ob sie in der Küche eines Startups, KMU oder Konzerns steht. Außerdem scheint auch die Branche keine Rolle zu spielen. Ich habe mir sagen lassen, dass Nudelreste in jeder Branche vorkommen.

Meine messerscharfe Logik sagt mir, die Ursache für die Störung im Reinigungsprozess ist nicht in Schüsseln, Gläsern oder Spülmaschinen zu finden. Vielmehr sind es die Mitmenschen welche zur gegenseitigen Irritation beitragen. Kausal weiter gedacht, bedeutet das, dass die Mitarbeiter in den Unternehmen mit weniger sozialem Abfall scheinbar anders zusammenarbeiten und miteinander umgehen. Sie nehmen mehr Rücksicht aufeinander, verhalten sich umsichtiger, sozialer und kollegialer. Im Gegensatz dazu die Wasserfalschenverschwender und Pflanzenkiller im Büro des Grauens.

Aber was ist die Motivation bei exzessiver Missachtung der Küchenordnung und des guten Geschmacks? Ist es mangelndes Verantwortungsbewußtsein oder gar Faulheit? Womöglich hat es etwas mit der inneren Einstellung zum Unternehmen zu tun. Der Mitarbeiter hat die Kaffeekanne leer gemacht, macht aber keine neue Kanne weil es ihm eigentlich vollkommen egal ist, ob die anderen Kaffee bekommen. Er lässt die Pflanze hinter sich grausam sterben, weil er damit sehr gut seine Unzufriedenheit ausdrücken kann. Er trinkt aus jeweils 12 Wasserflaschen nur einen Schluck um seiner Firma den Mittelfinger zu zeigen. Ich könnte stundenlang so weitermachen. Einen habe ich noch. Um es seinem Chef mal so richtig zu geben, lässt er erst die Textmarker offen liegen und klaut anschließend die Batterien aus der Beamer Fernbedienung. So schnell legt sich keiner mit ihm an.

Was können wir daraus lernen? Möchte man etwas über die Kultur eines Unternehmens erfahren, sind manchmal keine aufwendigen Analysen oder externe Berater notwendig. Es kann viel hilfreicher sein, sich nach sozialem Abfall umzuschauen. Dieser Abfall zeigt die ersten Anzeichen von Problemen und unterschwelligen Konflikten. Natürlich darf eine leere Kaffeekanne auch nicht überinterpretiert werden. Manchmal steckt dahinter tatsächlich nur eine leere Kaffeekanne. Aber Personal- und Organisationsentwicklungen sollten sich dieser Symptome bewußt sein. Die wirklichen Ursachen liegen dann meist viel tiefer, werden wegen der vermeintlichen Trivialität der Symptome aber nicht wahrgenommen.

Wundern Sie sich also nicht, wenn plötzlich die Personalchefin regelmässig zu Gast in Ihrer Kaffeeküche ist, obwohl sie eigentlich in der Zentrale in München sitzt. Sie könnte verstanden haben, das auch weiße Ware eine Art Engagement Index für die gelebten Beziehungen der Mitarbeiter ist.

Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!