Verdient Ihre Gerüchteküche einen Michelin Stern?

Gerüchteküche, Flurfunk, Klatsch und Tratsch. Dort wo Menschen für ein gemeinsames Ziel zusammen kommen, gibt es immer auch Geschichten, Vermutungen, wilde Spekulationen und die eine oder andere Verschwörungstheorie. Doch warum ist das so? Menschen lieben Geschichten. Unser Denkapparat liebt Geschichten, weil es mit einer Geschichte eine höhere Dichte an Informationen logisch verarbeiten kann. Je abstruser die Geschichte, desto mehr Menschen unterhalten sich darüber und um so mehr Energie verschlingt sie.

Rentner schreien Märchen

Lassen Sie uns ein Experiment machen. Merken Sie sich bitte die folgenden Zahlen: 45 71 19 1001. Schließen Sie jetzt die Augen und sagen Sie die Zahlenfolge erneut auf. Mit Glück klappt das, aber mit jedem weiteren Buchstaben, den ich hier schreibe, entleert sich ihr Kurzzeitgedächtnis wieder. Klassischer Fall von „Gedächtnis wie ein Sieb“. Nun versuchen wir etwas anderes. Merken Sie sich bitte folgende Geschichte: 45 71-Jährige schrein 19 Stunden Sätze aus 1001-Nacht. Diesen Merksatz werden Sie wesentlich länger im Kopf behalten können. Mit etwas Glück wundern Sie sich noch am Abend über dieses kuriose Bild wie eine große Anzahl älterer Menschen exzessiv laut aus einem Märchen rezitiert.

Ihr Hirn reagiert auf diese Geschichte wesentlich sensitiver als auf die Zahlenfolge. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, unser Gehirn bildet Geschichten nicht nur auf Kommando, sondern auch völlig ohne Aufforderung. Denn immer dann, wenn uns Informationen fehlen und wir an etwas zweifeln, nutzen wir unser persönliches Story Telling und stricken uns eine Geschichte, die Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft erklärt oder rechtfertigt.

Elvis lebt

Das kann ich Ihnen sogar beweisen. Man nehme eine anerkannte Wahrheit wie zum Beispiel das vorzeitige, überaus gewaltvolle Ableben einer berühmten Persönlichkeit. Ich sage Ihnen nun, es gibt immer noch diverse Kreditkarten, die in dessen Namen belastet würden und das auf der ganzen Welt. Beobachten Sie nun, was in Ihrem Kopf passiert. Sie stellen sich vor, wie jemand seinen Tod fingiert und jetzt fröhlich befreit von jeder Aufmerksamkeit, womöglich chirurgisch verändert durch die Welt jettet.

Der Gedanke, dass ich Ihnen einen Bären aufbinde, kommt erst wesentlich später, wenn überhaupt. Schon ist ein Hoax geboren, dass Persönlichkeit XY womöglich gar nicht ins Jenseits gereist ist, sondern nach Las Vegas. Unser Gehirn liebt gut erzählte Geschichten.

Tom Hanks im Schnellimbis

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Geheimnisse wesentlich interessanter sind, als allgemein zugängliche Informationen. Denn wer in ein Geheimnis miteinbezogen wird, kann sich einer Gruppe zugehörig fühlen. Gibt es aber grade keine realen Geheimnisse. Denken wir uns einfach welche aus und kreieren sie aus unserer Unwelt heraus. Das ist so, als würde Tom Hanks in Sakrileg zu einer Schnellimbis Filiale geführt und Schulter zuckend ins Auto steigen und in den Feierabend fahren. Nein, natürlich machen die Sparmenüs das Geheimnis nur noch viel größer!

Der Stille-Post-Effekt

In der Grundschule habe ich furchtbar gerne stille Post gespielt. Mich faszinierte, was aus dem Anfangswort wurde und wie mir mein Nachbar scheinbar eine Art von Geheimnis ins Ohr geflüsterte. Klar, in der Grundschule hatte das Endwort meist etwas mit „pupsen“ zu tun. Aber das sagt ja auch schon viel über die Natur der stillen Post. Es kommt meist nur Scheiß dabei heraus und ist für den Arsch (Ich entschuldige mich für diese Entgleisung). Ich spreche dabei vom Stille-Post-Effekt wenn durch undifferenzierte Weitergabe von Halbwahrheiten noch viel schönere Geschichten entstehen.

Ohne diesen Effekt geht es in der Gerüchteküche quasi nicht. Das wäre, als würde Sternekoch Henssler ohne Gasherd Pinienkerne anbrennen lassen (Ich gucke eigentlich gar nicht so viel Fernsehen).

Gerüchte als Geschäftsmodell

Wenn am Arbeitsplatz die Gerüchteküche mal wieder brodelt, kann das mit zwei Dingen zu tun haben. Entweder fließen Informationen im Unternehmen nur schlecht oder aber es herrscht irgendeine Art von Misstrauen.

Eine grundsätzliche Frage ist natürlich, ist der Flurfunk gut oder schlecht für das Unternehmen? Klatsch und Tratsch beeinträchtigt, meiner Meinung nach, die Konzentration auf die wirklich wichtigen Dinge. Außerdem macht sie die Arbeit der Führungskräfte nicht einfacher. Wenn man bei Promiflash/Bild/Bunte arbeitet, ist sie dagegen überaus nützlich. Überall sonst eher energieraubend und zeitintensiv. Daher sollte es doch das Ziel sein, diese Energie besser zu investieren. Zumindest besser als sich halbgaren Spekulationen hinzugeben.

Das Ziel, die Gerüchteküche zum Schweigen zu bringen, ist nicht umsetzbar. Weil sich diese nicht ausschließlich auf die Geschicke des Unternehmens bezieht, sondern sich auch um viel privates dreht. Die einzige Möglichkeit ist ein Mindset mit einem einfach Merksatz zu etablieren.  „Wir reden nicht übereinander, sondern miteinander!“ . Das ist schwerer als es sich zunächst anhört. Denn aus den vorgenannten Gründen, können wir gar nicht anders als immer neu zu spekulieren, selbst wenn wir es schaffen das nicht herauszuposaunen.

Fazit

Der einzige wirklich gangbare Weg ist Selbstkontrolle. Selbstkontrolle nicht in dieses Muster zu verfallen. Bekanntlich hat es der Mensch aber nicht so mit Selbstkontrolle und braucht deswegen Hilfe. Hilfe mit einer offenen Thematisierung und Aufklärung von Gerüchten und Getuschel. Das darf natürlich weder persönlich genommen, noch halbherzig verfolgt werden. Dann besteht die Möglichkeit, dass die beteiligten Parteien im dem Moment in dem Gerüchte entstehen, bewußt einen Schritt zurück treten und inne halten. Wie auch immer Sie mit Gerüchteküche umgehen. Sie ist und bleibt ein fester Bestand der Unternehmenskultur und deshlab sollte man sich überlegen, wie man damit umgeht.

Die Alternative wäre, die Gerüchteküche für die Verbreitung von offiziellen Informationen zu verwenden. Aber seihen wir ehrlich. Die sind meist nicht so interessant und gehen dann auch nicht „viral“. Zumindest solange sie nicht dem Stille-Post-Effekt unterlagen. Bevor ich es vergesse, wieviel Rentner schrien noch gleich Märchen aus 1001 Nacht?

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