Vor einigen Monaten berichtete ich über die Xing New Work Awards. Der zweite Platz im Bereich Startups und KMUs ging damals an die Haufe-umantis AG mit ihrer Philosophie „Mitarbeiter führen Unternehmen“. Immer öfter lese ich, dass Haufe-umantis als Beispiel für demokratischen Wandel in Unternehmen gesehen wird. Sogar neulich in einem Facebook Kommentar zu einem völlig anderen Thema. Scheinbar hat die Kultur der Haufe den Mainstream erreicht. In diesem Artikel möchte ich einen genaueren Blick auf das Unternehmen werfen.

Die Haufe-umantis AG ist nicht nur interessant wegen ihrer demokratischen Grundstrukturen, sondern auch durch ihre Produkte am Markt. So bietet Haufe ein umfangreiches webbased Talentmanagement System an, welches einige Facetten der Personalarbeit von Unternehmen abdeckt.

Vor etwa drei Jahren übernahm Haufe die Schweizer Softwarschmiede Umantis, welche sich auf Talentmanagement spezialisiert. Bei Umantis wählt man nicht nur die Chefs selber, sondern erarbeitet auch Geschäftsstrategien im Team. Zudem entscheiden die Mitarbeiter über die Einstellung von neuen Kollegen. Ähnlich wie dies auch in großen Orchestern gemacht wird.

Diese Kultur blieb nach dem Verkauf an Haufe erhalten und ist in gewisser weise Best Practice für die Software, welche das Unternehmen herstellt und am Markt anbietet. Das Video zeigt ein Interview mit Marc Stoffel, dem demokratisch gewählten CEO.

Die Software von Umantis bietet den Anwendern ein:

  • Bewerbermanagement
    • Inter/Extern
    • Ausschreibung neuer Stellen
  • Personalentwicklung
    • Vereinbarung von Zielen und Maßnahmen
    • In Verbindung mit Zielvereinbarung
  • Lernmanagement
    • Terminplaner
    • Einladungsassistent
    • Organisation von Veranstaltungen
  • Zielvereinbarung
    • Vorbereitung & Durchführung von MA Gesprächen
    • 360-Grad-Feedback
  • Vergütungsmanagement
    • Verwaltung von Boni und anderen Budgets
  • Nachfolgeplanung
    • Laufbahnplanung
    • Identifikation von Schlüsselpositionen
    • Schaffung von Karrierepfaden und Perspektiven
  • E-Mail-Schnittstelle sowie Terminplaner
    • Für Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und Veranstaltungen
    • Blocken von Räumen

All diese genannten Funktionen werden über das Internet angeboten. Eine Installation im Unternehmen ist also nicht notwendig. Das nennt man heutzutage dann SaaS, Software as a Service. Die Nutzung erfolgt somit über den Webbrowser über alle denkbaren Endgeräte. Soweit klingt das alles relativ gut. Die Haufe-umantis AG als Unternehmen welche einerseits demokratische Wege beschreitet und andererseits Unternehmen hilft ein einwandfreies Talentmanagement aufzubauen.

Zwei Dinge stören mich allerdings bei dieser Betrachtung. Leider findet sich der demokratische Ansatz des Unternehmens nicht so richtig auch im Softwareportfolio wieder. Immerhin habe ich kein Modul gefunden, mit welchem der CEO eines Unternehmens gewählt werden kann. Wenn aber doch sowieso alle Mitarbeiter dort gepflegt werden, wäre es doch bestimmt relativ einfach entsprechende Zusatzfunktionalitäten zu entwickeln.

Außerdem hat Haufe-umantis sicher einen großen Wissenspool, was die Einstellung von neuen Mitarbeitern durch das Team betrifft. Auch hier stelle ich mir eine Zusatzfunktion vor, welche es den eingeladenen Teammitgliedern erlaubt über die Kandidaten für eine interne/externe Vakanz zu entscheiden. Natürlich kann ich nicht in die Software hineinschauen. Womöglich gibt es diese Funktionen aber zumindest wird damit nicht geworben. Ich frage mich, warum? Vielleicht ist es Zeit für ein Demokratiemanagement bereitgestellt als SaaS.

Ein weiterer Punkt ist die Art der Technologie. Das Talentmanagement läuft zu 100% webbased. Keinerlei Daten werden also beim Kunden gespeichert, ausser vielleicht im Cache des eigenen Browsers. Daten über Mitarbeiter aber auch über Bewerber werden somit in der Haufe-Datenbank, welche über Noris in einem Rechenzentrum gehostet wird, abgelegt. Ersichtlich ist das aber in vielen Fällen nicht, weil die Eingangsseiten zum Talentmanagement für das jeweilige Unternehmen im Look&Feel des Corporate Designs gehalten sind. Hierzu habe ich neulich einen interessanten Artikel gefunden. Zu diesem gibt es ebenfalls eine Stellungnahme von Haufe direkt.

Ich bin sicher, dass die persönlichen Daten zu jeder Zeit verschlüsselt und sicher abgelegt sind. Allerdings zeigen grade die neusten Angriffe auf beispielsweise Datingplattformen, dass auch zuweilen sichere Seiten geknackt werden können. Geht es zusätzlich um Daten wie Gehalt, Bewerbungen inklusive umfangreicher Lebensläufe oder Vakanzen, kann man die Sensibilität dieser Daten gar nicht überschätzen.

Zusammenfassung

Auf Kununu hat die Haufe-umantis AG knapp 4 Sterne. Hier und dort gibt es ein paar kritische Stimmen aber das ist wahrscheinlich in jeder Firma so. Das Klima scheint also auch abseits von Interviews gut zu sein. Auf Glassdoor ist das Unternehmen bisher noch nicht bewertet worden.

Liest man sich durch verschiedene Blog-Beiträge (z.B. Xing Spielraum), klingt der demokratische Wandel im Unternehmen sehr einfach. Scheinbar mühelos arbeiten die Menschen bei Haufe-umantis in projektbezogenen Schwärmen und stellen sich je nach Gusto zur Wahl als Führungskraft oder eben nicht.

Natürlich braucht es dafür einen speziellen Menschenschlag doch auch hier wird es doch irgendwo mal Probleme geben oder gegeben haben. Grade diese Probleme würden mich brennend interessieren. Aus der Tatsache, dass alles super funktioniert, lässt sich selten ein Learning ableiten. Vielleicht habe ich ja Glück und Herr Stoffel, sofern er bis dahin noch CEO ist, findet diesen Artikel und stellt sich für ein Interview zur Verfügung. Das würde mich sehr freuen.

Bis dahin ist die Haufe-umantis AG für mich weiterhin ein Beispiel für demokratischen Wandel, wenn mir auch das Gefühl fehlt mit welchen tatsächlichen Schmerzen dieser Wandel einher geht oder ging. Außerdem vermisse ich bei den Produkten des Unternehmens diesen demokratischen Gedanken.

Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!