Bedingungsloses Grundeinkommen

Das bedingungslose Grundeinkommen

Stellen Sie sich vor, an Ihrem Haus hält quietschend ein Laster. Zwei uniformierte Beamte springen gut gelaunt heraus. Von der Ladefläche nehmen sie sich mit Schwung einen Geldsack. Auf dem Sack stehen Ihr Name und Ihre Sozialversicherungsnummer. Pfeifend schlendern beide gut gelaunt zur Vordertür, klingeln zweimal und lassen den Sack dann auf der Schwelle stehen. Wenige Momente später, setzt sich der Laster erneut quietschend in Bewegung. Verträumt öffnen Sie die Tür und schauen auf den Sack vor Ihren Füßen.

Soeben haben Sie Ihr erstes bedingungsloses Grundeinkommen erhalten.

Natürlich hinkt mein Beispiel etwas. Der Geldsack würde Ihnen schließlich überwiesen und nicht vor die Tür gestellt. Diese Szene drückt aber aus, was sich viele unter dem Begriff BGE vorstellen. Die komplexe Thematik dahinter bleibt meist unbeleuchtet. Insofern man das überhaupt kann, versuche ich mit den nächsten 1050 Wörtern einen kleinen Überblick zu geben. Google listet zu „bedingungsloses Grundeinkommen“ grade mal 350.000 Treffer. Mit „BGE“ sind es schon 9.8 Millionen, wobei hier auch vieles gelistet wird, was nichts mit dem Grundeinkommen zu tun hat.

Immer mal wieder begegnet einem das bedingungslose Grundeinkommen im Internet. Tweets zu diesem Thema finden beispielsweise sehr viel Beachtung:

Der angehängte Tweet hat bisher >1.000 Impressionen erhalten und das obwohl er keine Hashtags oder Verlinkungen zu Tweaps enthält. Die Interaktionen sind allerdings sehr gering.

Aber was ist das bedingungslose Grundeinkommen eigentlich? Was steckt dahinter? Da ich mich mit intrinsischer Motivation und NewWork beschäftige, strahlt dieses Thema Faszination auf mich aus. Hier lohnt es sich also einen Blick zu riskieren.

Quick Info
Am Ende dieses Beitrages wissen Sie:

  1. Wie das bedingungslose Grundeinkommen begründet wird.
  2. Wie es grob finanziert werden soll.
  3. Wie es kritisiert wird.
  4. In welchen anderen Ländern es ebenfalls Thema ist.
  5. Was der Ausblick ist.

1. Begründung

Begründet wird das bedingungslose Grundeinkommen mit humanitären und ökonomischen Argumenten.

Das sind beispielsweise auf der humanitären Seite die Möglichkeit für jeden Menschen ein menschenwürdiges Leben zu führen. Außerdem soll es ermöglichen Tätigkeiten zu entlohnen, die in der marktorientierten Gesellschaft nicht als Arbeit entlohnt werden. Es geht um das Entgegenwirken von Arbeitslosigkeit und mehr Akzeptanz für alternative Lebensstile und Lebensweisen. Darüber hinaus geht es um Wiederherstellung von Vertrauen in die Gesellschaft, Reduzierung von Komplexität und Konkurrenzkampf. Damit soll beispielsweise auch eine Abnahme von psychischen Erkrankungen, Depressionen einhergehen.

Aus ökonomischer Sicht spielt zum Beispiel der demographische Wandel eine Rolle sowie der Verlust von Arbeitsplätzen durch stetige Rationalisierung in der Industrie. Folgen sind eine Steigerung der Lohnkosten sowie der Grenzkosten für neue Arbeitsplätze. Außerdem entstehen viele Kosten durch Bürokratie, welche mit dem bedingungslosen Grundeinkommen eingespart werden könnten. Eingespart deswegen weil Rente, Bafög, AG1, AG2, Kindergeld einfach wegfallen. Ein weiteres Argument ist, dass jetzt bereits über die Hälfte der Bevölkerung auf das Einkommen anderer angewiesen ist und Sozialleistungen bezieht. Der Schritt zum Grundeinkommen sei also gar nicht so groß.

Das klingt natürlich zunächst wie eine eierlegende Wollmilchsau. Aber irgendwie muss das schließlich auch finanziert werden.

2. Finanzierung

Grob gesagt, gibt es zwei Modelle wie das sogenannte BGE finanziert werden soll. Grundsätzlich wird zwischen Besteuerung des Einkommens und Besteuerung des Konsums unterschieden.

Bei der Besteuerung des Einkommens wird oft das Ulmer TransferGrenzenModell herangezogen. Das Modell unterscheidet zwei Arten von BGE. Die BGE-Ausgleichsabgabe sowie die BGE-Solidarabgabe. Des Weiteren arbeitet es mit einer sogenannten Transfergrenze. Diese Grenze bezieht sich auf das Einkommen des Bürgers und liegt bei 1.600 EUR. Bei der BGE-Ausgleichsabgabe führt der Bürger 50% seines Gehaltes in den BGE-Topf ab. Über der Grenze werden 5% des Einkommens zusätzlich als BGE Solidarabgabe abgeführt. Ein schönes Rechenbeispiel findet sich hier. Das Ulmer-Modell sieht auch ein BGE für Kinder abhängig vom Lebensalter vor. Das Einkommen beträgt maximal 800 EUR wovon 200 EUR in die lebenslange Kranken- und Pflegeversicherung eingezahlt werden.

Bei der Besteuerung des Konsums ist das Modell von Götz Werner (DM-Drogerie) zu nennen. Werner geht davon aus, dass ein BGE von ca. 1.000 EUR eigentlich bereits durch Handel und Konsum finanziert sei. Finanziert werden soll es durch eine schrittweise Erhöhung der Mehrwertsteuer. Hier bietet der Wikipedia Artikel Rechenbeispiele.

Die Darstellung der Finanzierung durch Besteuerung des Konsums ist allerdings längst nicht so stichhaltig dargestellt wie im Ulmer-Modell, berücksichtigt dafür allerdings auch Import und Export.

3. Kritik

Kritiker des BGE geben zu Bedenken, dass die Folgen für Arbeitsmarkt und Preise nicht vorhersehbar sind. Es könnten immerhin ganzen Unternehmen die Mitarbeiter davonlaufen. Dadurch wäre es nicht mehr möglich Aufträge zu erfüllen und zu wirtschaften. Somit gingen Unternehmen in die Insolvenz. Das wiederum bezieht auch die Mitarbeiter ein, die nicht kündigen würden.

Eine große Befürchtung ist es, das BGE würde den Willen zur Arbeit bei einer ganzen Generation von Menschen unterminieren. Experimente auf der ganzen Welt haben bereits beide Seiten bestätigen konnten. Das macht die Diskussion natürlich nicht einfacher.

Außerdem wird die tatsächliche Bedürftigkeit des Menschen nicht mehr überprüft. Wenn diese über das Grundeinkommen hinausgeht, beispielsweise durch hohe Arztrechnung welche nicht von der Krankenkasse getragen würde, wäre die Armut vorprogrammiert.

4. Andere Länder

Das BGE ist nicht nur in Deutschland ein Thema. Wikipedia listet diverse weitere Länder auf, darunter Spanien, Frankreich und die USA, in denen das bedingungslose Grundeinkommen Gegenstand der Diskussion ist. In Kanada wurde in den 1970er Jahren das soziale Experiment Minecome durchgeführt. Nach dem Ende des Experiments zur Untersuchung der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, wurden erst später Ergebnisse veröffentlicht. Bei den Einwohner der kanadischen Stadt Dauphin konnte demnach kein signifikanter Rückgang der Arbeitsbereitschaft gemessen werden. Seit 2004 hat Brasilien das Recht auf ein Grundeinkommen in seiner Verfassung verankert. Es ist allerdings fraglich, welche Wirkung eine solche Absichtserklärung hat. Auch in Indien werden verarmte Dorfbewohner mit einem regelmässigen Geldtransfer unterstützt. Auf der ganzen Welt wird dieses Konzept also erprobt.

5. Ausblick

Das Bedingungslose Grundeinkommen

Das BGE ist hier natürlich nicht vollständig dargestellt. Es ist noch um einiges vielschichtiger und erfordert eine tiefe Lektüre der vorhandenen Diskussionen, wissenschaftlicher Arbeiten, Erfahrungsberichte welche sich auf der ganzen Welt angehäuft haben.

Ein Systemwechsel in Deutschland wäre unberechenbar. Klar wird aber durch die bisherigen Bemühungen der BGE-Lobby, dass sich diese Idee zu halten scheint. Sie verschwindet nicht einfach, genausowenig wie der Mythos des Fachkräftemangels. Wahrscheinlich auch deswegen, weil im BGE tatsächlich ein wahrer Kern steckt. Vielleicht ist es sogar die Lösung für viele Probleme der heutigen Zeit.

Doch ist eher die Frage, ob die Menschheit schon bereit dafür ist? Solange der Mensch oft noch von Gier und Macht getrieben ist, werden viele ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht tolerieren. Kritiker benennen sogar das aktuelle AG2 als eine Art BGE. Der Vergleich hinkt aber gewaltig denn das AG2 ist auf keinen Fall bedingungslos.

Spannend fände ich ein BGE welches weltweit einheitlich ist. Natürlich reine Utopie. Stellen Sie sich ein deutsches BGE in Afrika vor oder ein afrikanisches BGE in Deutschland. Länder in denen etwas ähnliches wie das BGE bereits angewendet wird, transferieren Beträge welche wesentlich geringer als das deutsche BGE. Zu unterschiedlich sind die Lebensstandards, Kulturen und Währungsniveaus.

Außerdem fände ich interessant, ob ein BGE auch auf Inflation oder kalte Progression reagieren kann oder ob solche Phänomene nicht vollständig entfallen. Das hängt natürlich von der Finanzierungsmethode ab. Zudem, wieviel Geld brauchen wir eigentlich zum Leben? Wo fängt der Luxus an und wo hört er auf?

Das bedingungslose Grundeinkommen wird, meiner Meinung nach, die Menschheit auch noch in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen. Im Iran, in Indien wird es bereits eingesetzt um die bitterste Armut lokal begrenzt zu bekämpfen. Hier hat das BGE mehr Lebenswandel und Sinnessuche im Vordergrund. Zwei völlig verschiedene Motivationen.

Ich glaube nicht, dass es eine Minderung der Arbeitsbereitschaft zur Folge hätte. Sicher würde es aber ein paar Jahre dauern, bis sich die Verhältnisse nach Einführung wieder normalisierten. Was würden all die Menschen in den Verwaltungen wohl machen, wenn sie nicht mehr gebraucht würden?

Aktuelle Nachrichten und Informationen finden Sie zum Beispiel auch im Netzwerk Grundeinkommen!

10 Kommentare
  1. Maja
    Maja sagte:

    Vielen Dank für diese vielschichtige Betrachtung. Mir stellt sich auch die Frage, ob die Menschen dazu bereit sind. Ich glaube da müsste es ein breites gesellschaftliches Umdenken geben. Was die Finanzierung betrifft, scheint mir das Modell der Konsumbesteuerung das sinnvollere zu sein, zumal es noch ggfs. noch positive Nebeneffekte hätte (Reduzierung des Überkonsums usw.).

    Antworten
  2. Thomas
    Thomas sagte:

    Die Idee zum Bedingungslosen Grundeinkommen finde ich schon sehr gut, allerdings glaube ich nicht, dass es sich aktuell überhaupt hier bei uns umsetzen lassen würde. Dennoch, das ganze Thema darf nicht einfach beseite geschoben werden und bedarf weiterhin der Aufklärung, insbesondere weil es vielen Menschen endlich wieder mehr Lebensqualität bieten würde. Alleine aus diesem Grund sollte weiter darüber nachgedacht werden.

    Antworten
    • Stefan Müller
      Stefan Müller sagte:

      Hallo Herr Bauer,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich bin da Ihrer Meinung. Das Thema darf nicht beiseite geschoben werden. Es wäre bereits hilfreich, seitens der Politik einen Schwerpunkt im Bereich Forschung darauf zu legen. Damit bekäme man das BGE aus der Nische heraus.

      Mit freundlichen Grüßen
      Stefan Müller

      Antworten
  3. bgeroot
    bgeroot sagte:

    Was hier falsch beschrieben wurde… Alles was an Bedarf über das BGE hinaus geht, muss selbstverständlich beibehalten werden. Das ist natürlich ganz wichtig für behinderte Menschen, welche diverse Hilfsmittel und/oder teure Medikamente benötigen. So wird es von allen relevanten BGE-Bürgerewegungen gesehen. Das BGE wäre nur ein bundesdurchschnittliches Basiseinkommen. Selbst Wohngeldanträge wird es dann immer noch geben müssen, weil man auch mit 1000€ bspw. in München nicht leben könnte. Jedoch wird sich die heute betrauerte Landflucht umkehren, weil viele eine Alternative, billig auf dem Land zu leben, schon heute attraktiv finden. Die Umkehrung der Landflucht oder auch die Umkehrung der Flucht aus dem Osten in die westlichen Ballungszentren, wird die Mieten auch in München sinken lassen. Aber vorübergehend wird es immer noch das eine oder andere Amt geben müssen. Ich persönlich halte die schrittweise Einführung am besten. Angefangen in der Höhe vom Kindergeld. Dann fallen erst einmal nur die Kindergeldstellen. Aber jeder Arbeitsplatz wird in Deutschland bereits um diese Höhe billiger. Das wäre ein großer Schritt, wenn ich daran denke, dass die Arbeitgeber schon bei der Deckelung der KV um wenige Euros pro Arbeitsplatz gejubelt haben. Selbst ein geringes partielles GE hätte bereits eine starke wirtschaftliche Signalwirkung und immerhin könnte man sich bereits die Kindergeldstellen sparen. Alles andere würde erst einmal so bleiben wie es ist. Je höher das GE, je weniger Ämter braucht man und je billiger werden die Arbeitplätze, was Investoren anlockt. Wenn man sich die schrittweise Einführung vorstellt, dann kommt man an keiner Stelle zu der Idee, dass Leute aufhören würden zu arbeiten. Wo soll denn der kritische Punkt sein? Wenn man das Grundeinkommen von 600 auf 700 erhöht? So hätte man auch die Möglichkeit einer Diskussion, wenn plötzlich 1 Mio. Menschen weniger arbeiten würden. Die Diskussion würde darauf hinauslaufen, dass das GE sinken wird. Und genau dies ist der Beweis, warum ein GE in einer Demokratie auch funktionieren wird.

    Antworten
    • Stefan Müller
      Stefan Müller sagte:

      Hallo lieber Leser,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich glaube Ihre Ausführungen zeigen sehr gut die hohe Komplexität dieses Themas. Außerdem wird auch eine emotionale Komponente sichtbar. Ich freue mich auf weitere Kommentare!

      Mit freundliche Grüßen
      Stefan Müller

      Antworten
  4. Tatiana
    Tatiana sagte:

    Ich finde das Thema sehr spannend, aber auch sehr kompliziert. Deswegen sind die Versuche sehr nützlich, den Begriff und die Idee dahinter zu analysieren und zu erklären. Von dem Amateur für die Amatuere.
    Klasse, dass es direkt der Kommentar von den „Profis“ kommt! Dem Verständnis zuliebe hätte ich mir jedoch mehr Bezugnahme zum Artikeltext gewünscht. Letzendlich möchten Amateuere stichhaltig und nachvollziehbar (idealerweise auch nicht aus dem Kontext gerissen) von der Idee überzeugt werden.

    Antworten
  5. Grundeinkommen Köln (@BGEKoeln)
    Grundeinkommen Köln (@BGEKoeln) sagte:

    2. Finanzierung

    »Die Darstellung der Finanzierung durch Besteuerung des Konsums ist allerdings längst nicht so stichhaltig dargestellt wie im Ulmer-Modell, berücksichtigt dafür allerdings auch Import und Export.«

    Das kommt darauf an, wer sich damit auseinandersetzt:
    http://www.konsumsteuersystem.de/

    Die Besteuerung von Einkommen und Konsum sind auch nicht zwei Gegenpole sondern lassen sich auch kombinieren:
    https://www.youtube.com/watch?v=SV0Pg5ZMk14&feature=youtu.be&t=37m21s

    3. Kritik

    Zunächst bleibt festzuhalten, dass Arbeit nicht in gleichem Maße in allen Unternehmen billiger werden würde. Insbesondere den im heutigen Niedriglohnsektor arbeitenden Menschen muss man nach Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) schon attraktive Arbeitsplätze anbieten (Identifikation mit der Arbeit und sehr gute Arbeitsbedingungen). Der Hochlohnsektor wird dann um den heutigen Niedriglohnsektor werben müssen und bei vielen Arbeitsstellen wird man um eine angemessenere Entlohnung nicht herumkommen. Beim Hochlohnsektor selber ist hingegen davon auszugehen, dass das BGE nahezu vollständig im bisherigen Einkommen aufgeht, denn dort sind bereits vermehrt gute Arbeitsbedingungen vorhanden und bei einem hohen Gehalt (z.B. von 4000 € Netto) ist mit einem BGE (z.B. 1000 €) der Hebel nicht groß genug, um durch die Androhung der Kündigung das Gehalt nach oben zu schrauben, weil natürlich der gewohnte Lebensstandart eingebüßt würde.

    Von sinkenden Arbeitskosten werden auch eher Unternehmen profitieren, die bisher durch die überwiegende Beschäftigung von menschlichen Arbeitskräften gegenüber Unternehmen im Nachteil sind, welche heutzutage durch den vermehrten Einsatz von quasi »schwarz arbeitenden« Maschinen sehr günstig produzieren können (eine Umstellung des Steuersystems in Richtung Konsum- statt Arbeitsbesteuerung würde dies noch stärker befeuern).

    So oder so werden die sich die Gesamteinkünfte – also Grundeinkommen plus Gehälter – in den heutigen unteren und mittleren Einkommensklassen z.T. deutlich erhöhen. Auch das heutige »Angstsparen«, in Folge dessen viele Deutsche ihr Geld im Ausland angelegt haben, käme durch die Existenzsicherung eines lebenslange Grundeinkommens aus der Mode, womit dann mehr Investitions- und Kaufkraft in der Bevölkerung vorhanden wäre. Gerade diese Kaufkraft fehlt heute in Deutschland , um unser jährlich anwachsendes Importdefizit – das spiegelbildlich zu unserem Exportüberschuss existiert – auszugleichen, indem wir verstärkt mehr im Inland konsumieren, statt unsere Güter ins Ausland zu exportieren und dadurch unsere Nachbarn zu verschulden. Export und Import würden dadurch wieder mehr ausgeglichen werden und durch den Konsum von Importgütern aus dem europäischen Ausland würden wir auch unsere Nachbarn automatisch »entschulden«.

    Zudem würde es vielen alten und hoffentlich auch neuen Unternehmern leichter fallen, stärker als bisher im Inland zu investieren bzw. neu zu gründen, weil durch das BGE natürlich Kaufkraft auch in Regionen kommt, die heute als »strukturschwach gelten. Dort würde sich aufgrund der gestiegenen Kaufkraft auch das Preisniveau an das der heute reicheren Regionen annähern, woraus sich wiederum steigende Umsätze für lokale Unternehmen ergeben würden. Diese könnten in Folge weiter expandieren und dadurch mehr Arbeitsplätze schaffen, deren Entlohnung sich ebenfalls an das steigende Preisniveau anpassen würden. Zusätzlich sinkt das Risiko für Unternehmensgründungen, weil durch das BGE die Existenz des Unternehmers, die seiner Familie und die seiner Angestellten jederzeit gesichert ist.

    Subventionen für einzelne Unternehmen, ganze Branchen oder auch nur insgesamt für die deutsche (Export-)Wirtschaft würden nach Einführung eines BGE bald der Vergangenheit angehören, da es schlicht keine Notwendigkeit mehr gäbe, mit ihrer Hilfe künstlich Arbeitsplätze zu erhalten. Das würde bedeutet, dass sich die gesamte Wirtschaftsförderung – und damit auch die Strukturförderung in Deutschland in bestimmte Regionen – komplett verändern könnte. Ähnlich würde es bei einem EU-weiten BGE in Europa sein: Warum noch Milliarden in die Agrarwirtschaft pumpen, wenn doch alle dort Beteiligten schon mit einem BGE ausgestattet sind (gerade Ökobauern würden enorm von einem BGE profitieren und geben diesem nach eigener Auskunft bereits jetzt den Vorzug gegenüber den heutigen Agrarsubventionen)?

    Mit der Auszahlung des BGE an seine Bürger, gibt der Staat auch mehr Verantwortung in die Hände der Menschen. Es liegt dann schlicht nicht mehr in seiner Macht zu bestimmen, welche Unternehmen und Branchen gefördert werden und welche nicht. Dies würde dann künftig nur noch indirekt durch die Bürger geschehen, die ihr BGE zu ihrer Arbeitsstelle mitnehmen und das von ihnen gewählte Unternehmen dadurch bei den Lohnkosten entlasten können (egal, ob bei einer bezahlten oder unbezahlten Tätigkeit). Dies wäre eine neue Art von basisdemokratischer Wirtschaftsförderung …

    Das BGE ersetzt bestehende Sozialleistungen in seiner Höhe, also kann sich jeder ausrechnen, ab welchem BGE-Betrag seine bisherigen Transferleistungen entfallen, weil sie künftig im BGE aufgehen.

    Leistungen, die nicht vom BGE gedeckt würden, müssten dann – solange, bis sie wieder durch eine Steigerung der BGE-Höhe obsolet würden – bei einer dafür zuständigen Behörde beantragt werden (BGE garantiert also in seiner Höhe ein garantiertes Einkommen, darüber hinaus braucht es weiterhin Bedarfsprüfungen für den Einzelfall).

    Auch wenn ein BGE die Höhe des heutigen durchschnittlichen Nettoeinkommens hätte (ca. 1500 Euro), wird es immer noch Menschen geben, die bedeutend mehr Transferleistungen benötigen (Rollstuhlfahrer etc.). Solche speziellen Leistungen müssten dann zwar beantragt und von einer Behörde geprüft werden, aber die 1500 Euro wären auch für diese Menschen ohne Bedürftigkeitsprüfungen garantiert und würden deren Alltag im Gegensatz zur jetzigen Situation enorm erleichtern.

    Des Weiteren wird es auch nicht möglich sein, Rentner mit höheren Rentensprüchen zu enteignen, da diese verfassungsrechtlich garantiert sind. Ein Rentner müsste also seinen Rentenanspruch, der über das BGE hinausgeht, nachweisen, damit er ihn weiterhin zusätzlich zum BGE ausbezahlt bekommt. Dieser zusätzliche Rentenbetrag würde dann – wie bereits heute – besteuert werden.

    Also machen auch mit einem hohen – und eventuell weiter steigenden – BGE die heutigen Sozialgesetze Sinn und sollten nicht sofort mit Einführung des BGE über Bord geworfen werden.

    Dafür bedarf es noch einer einzigen Bundesbehörde, welche die restliche Sozialbürokratie in sich vereint, um die schwindenden »BGE-plus-Bedarfe« zu verwalten (»Amt für Zusatzleistungen«).

    http://www.youtube.com/watch?v=bOzOPzWTvSs

    4. Andere Länder

    Das Grundeinkommen kann – schon auf bescheidener Basis – dem Hunger in der Welt wirksam begegnen. Denn die Menschen brauchen nicht als erstes ein politisches System, freie Wahlen oder soziale Marktwirtschaft, sondern das Nötigste zum Überleben. Ob durch Gebühren auf Finanztransaktionen oder andere Abgaben – es ließe sich problemlos weltweit finanzieren.

    http://bgekoeln.de/projekte/index.html

    5. Ausblick

    Im Netzwerk BGE-Kreise besteht die Möglichkeit, eigene Erfahrungen in einem geschützten Rahmen mit dem Grundeinkommen zu machen. Elemente von Tauschring, Komplementärwährung und Grundeinkommen wurden hier zu einer Einheit verschmolzen.

    http://bgekoeln.ning.com/profiles/blogs/bedingungsloses-grundeinkommen-nicht-warten-sondern-starten

    Antworten
    • Stefan Müller
      Stefan Müller sagte:

      Hallo liebes Grundeinkommen Köln,

      vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Erneut bin ich verblüfft wie vielschichtig das Thema BGE ist. Sicher können einige von Ihnen aufgeführte Punkte kontrovers diskutiert werden, zum Beispiel das sogennannte „Angst sparen“ in Deutschland. Sind Ihnen Studien oder Modelle bekannt, welche beispielsweise belegen, inwiefern Arbeit in Unternehmen (nicht) billiger wird?

      Ich freue mich auf einen regen Austausch!

      Mit freundlichen Grüßen
      Stefan Müller

      Antworten
      • begroot
        begroot sagte:

        Das Konsumsteuermodell beinhaltet folgende Betrachtung: Schon heute werden alle Kosten auf den Kunden also auf den Konsumenten abgewälst. Es kommt vor, dass ein potentes Unternehmen zur Kundengewinnung draufzahlt. Mittel- und langfristig muss aber ein Unternehmen Gewinne oder mindestens die schwarze Null machen. Deshalb werden alle Kosten in die Preise einkalkuliert. Das Einkommen zahlt das Unternehmen und kann nur weitermachen, wenn am Ende durch den Preis diese Ausgaben wieder rein kommen. Logisch. Bei den Einkommenssteuern der Angestellten gibt es oft eine Gedankenlücke. Auch diese Steuern zahlt ja nicht der Arbeitnehmer. Diese Kosten werden zwar als Arbeitnehmersteuer auf dem Lohnzettel gedruckt, aber zahlen muss es erst einmal der Arbeitgeber. In schwierigen Gesprächen kann man einfach die Kontenbewegungen anschauen. Alle Arbeitnehmer-Einkommenssteuern werden durch den Arbeitgeber aufs Finanzamt abgeführt. Da ein Unternehmen Gewinne (oder die schwarze Null) machen muss, um zu existieren, muss das Unternehmer alle Kosten über den Produktverkauf wieder reinholen. Dass das alles heute zu großen Teilen bankenfinanziert wird, bleibt mal dahin gestellt. Fakt ist, dass sich das Unternehmen rechnen muss. Wenn also alle Kosten einschl. aller Steuern Ausgaben der Unternehmen darstellen, könnte man diese auch einfach davon befreien und am Ende im gleichen Umfang die Konsumsteuer draufrechnen. Arbeit im Hochlohnbereich wird billiger, Arbeit im Niedriglohnsektor wird teurer, es gibt einen Ausgleich in Richtung Mitte, wobei es dennoch ausreichend Varianz bleiben wird (muss es aber auch nicht). Ich halte deshalb das Konsumsteuermodell als den wahren Durchbruch, weil eine massive Entbürokratisierung einhergeht.

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  1. […] Eine ganz andere Frage, ist was ein Mensch überhaupt zum leben benötigt. Hier verweise ich gerne auf meinen Betrag zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen. […]

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