7 Anzeichen, dass Sie gute Führung mit Tractor-Pulling verwechseln

Tractor-Pulling, ist ein Motorsport für gelangweilte Landwirte, die gerne Abends neue Auspuffkrümmer und Kompressoren in schwach beleuchteten Scheunen verbauen. So stelle ich mir das zumindest vor. Das hochgezüchtete Endresultat bläst dann unter ohrenbetäubendem Lärm, Tonnen von Abgasen in die Luft. Der Fahrer versucht mit dieser Höllenmaschine ein möglichst schweres Gewicht, möglichst weit durch den Sand zu ziehen. Erinnert Sie dieses Bild nicht auch an so manche  Führungskultur in deutschen Unternehmen?

Oft habe ich den Eindruck in deutschen Unternehmen wird das Thema Führung mit Tractor-Pulling verwechselt. Schauen wir uns das mal an:

Der Fahrer (Manager) sitzt dabei in seinem Traktor (Abteilung, Team) und starrt auf die Ziellinie (KPIs, Zielvereinbarung, Projekt). Wenn das Signal (Anweisung, Kickoff) ertönt, drückt sein Fuß das Gaspedal komplett durch und die Maschine bäumt sich vor ihm auf (Die meiste Performance geht zunächst in die Luft statt auf die Strecke).  Was sich links und rechts abspielt, ist in diesem Moment nicht von Bedeutung. Alleine das Ziel zählt! Mitarbeiter, Kunden und Stakeholder verkommen zu Hürden welche es zur Erreichung der persönlichen Ziele zu überwinden gilt.

Gelegenheiten werden von den meisten Leuten verpasst, weil sie einen Overall anhaben und nach Arbeit aussehen – Thomas Alva Edison

 

Anbei finden Sie sieben Anzeichen, die Ihnen sagen, dass Sie grade an einem Tractor-Pulling Wettkampf teilnehmen, anstatt Ihre Mitarbeiter zu führen:

1. Erster! Sie fahren immer als Erster durchs Ziel! Ihre Mitarbeiter kennen dagegen nur eine Richtung: Ihnen hinter her! Führung bedeutet für Sie, die Zugkraft auf der Kette, denn viel hilft viel!

2. Name the Game! Sie wissen, das Gewicht muss durchs Ziel, so funktioniert das Spiel. Die Zielgerade liegt Ihnen direkt gegenüber. Der Sieg ist nur einige Meter weit entfernt. Motivation, Herausforderungen und Werte Ihrer Mitarbeiter brauchen deshalb keine großen Wurf.

3. In der Box! Sie beschleunigen auf das Ziel zu, hinterfragen es aber nicht, denn Sie wissen, an diesem Spiel wird sich so schnell nichts ändern! Wozu also den Blick schweifen lassen.

4. Zielgerichtete Entwicklung! Sie wünschen sich nur eine Entwicklung Ihrer Mitarbeiter, eine die Ihnen hilft die Ziellinie schneller überqueren zu können. Für Sie bedeutet Forderung gleich Förderung! Entwicklung durch Arbeit!

5. Ist doch alles klar! Offenheit, Aufrichtigkeit, Transparenz und gegenseitiger Respekt sind Ihnen nicht wichtig. Schließlich sind alle Parameter der Zusammenarbeit klar definiert und transaktional.

6. Verbesserung, ja aber nicht jetzt! Veränderung könnte Ihnen Ihre Daseinsberechtigung entziehen oder sie zumindest in Frage stellen. Deswegen ist für Sie klar, Veränderung dient nur dazu schneller über die Linie zu kommen.

7. Daumen hoch/runter! Sie verzichten darauf Fähigkeiten, Chancen, Möglichkeiten messbar zu machen. Das ist für Sie nicht relevant. Denn Sie wissen, letztendlich zählt nur Sieg oder Niederlage, Erfolg oder Misserfolg.

Sie kommen nun mit Ihrem Traktor zum stehen. Der Platz liegt im Nebel Ihrer eigenen Abgase. Jeder hat die Energie gesehen, welche Sie aufgewendet haben, um das Projekt abzuschließen. Schlamm und Dreck sind in die Zuschauer gespritzt. Feinstauballergika kommen voll auf ihre Kosten. Eine tolle Show? Ihr Wettkampf-Gewicht liegt schwer im Sand. Es drückt sich motivationslos in den Boden und wartet regungslos und ohne Emotion darauf wieder an den Start zurückgezogen zu werden. Einer der Linienrichter schreit „FULL PULL“.

Nach einer kurzen Minute des Ruhms, steigen Sie wieder ein, ziehen sich den Helm über und rollen zurück an den Startpunkt. Das Gewicht wird eingehängt und rastet ein. Die Turbinen beschleunigen. Sie sind bereit erneut mit vollem Einsatz loszulegen und Ihr Gasfuß wiegt sehr schwer. Gleich ertönt das Signal. Die Ampeln schalten auf Gelb. Sie halten den Atem an. Durch das Visier blicken Sie auf die Strecke und betrachten den Nebel, die tiefen Furchen im Boden…

wozu das eigentlich?

KICK IN THE PANTS!

Der Traktor verstummt. Die Zuschauer sind enttäuscht. Sie haben erkannt, Ihre Mannschaft über die Zielgerade zu wuchten, immer und immer wieder, wird die Wertschöpfung ihrer Unternehmung mittelfristig bis langfristig nicht verbessern. Im Gegenteil, es zehrt sie und ihre Mitarbeiter aus, verschwendet wertvolle kreative Energie und schädigt Ihr Umfeld. Warum steigen Sie also nicht aus dem Traktor, nehmen den Helm ab und verzichten auf Druck und Zugkraft?

Stellen Sie sich folgende Fragen:

  • Was sind meine Mitarbeiter für Menschen?
  • Welche individuellen Ziele und Potenziale haben sie und wie kann ich diese mit meiner Vision vereinbaren?
  • Wie können sie gefördert werden, um auch ohne mich das Ziel zu erreichen?

Wenn Sie diese Fragen beantworten, werden Sie feststellen, dass der Anhänger mit den Gewichten mittlerweile den Traktor überholt hat, leise über die Ziellinie gerollt ist und der Tractor-Pulling Wettkampf bereits weit hinter Ihnen liegt und als schwarzer Punkt am Horizont verschwindet.

Noch nicht vom Tractor-Pulling überzeugt? Na gut, dann erklären Sie mir mal woher die folgenden Redewendungen kommen:

  • Wir müssen die PS auch auf die Straße bringen…
  • Das ist unser Zielfoto…
  • Wir müssen jetzt wirklich mal Gas geben…

Weitere Spannungsbögen finden sich hier:

4 Kommentare
  1. Susanne Cölln
    Susanne Cölln sagte:

    Hallo Herr Müller,
    ich lese Ihre Artikel mit Interesse und freue mich auf die nächsten.
    Herzliche Grüße,
    Susanne Cölln

    • Stefan Müller
      Stefan Müller sagte:

      Hallo Herr Brünner,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Freut mich, dass Ihnen der Artikel gefallen hat. Ich freue mich immer über Feedback und Retweets!

      Mit freundlichen Grüßen
      Stefan Müller

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