ArbeitskonzepteWenn der Schlagzeuger am Stuhl sägt, könnte das etwas mit einem überholten Arbeitskonzept zu tun haben. Stringente Lebensläufe und geplante Karrieren stehen entgegen menschlichen Facetten wie Vielseitigkeit, der liebe zur Abwechslung und Anpassungsfähigkeit. Hier nun ein Entwurf unserer beruflichen Zukunft…

Ach, warum habe ich nichts Vernünftiges gelernt!

Kenne Sie auch diesen Gedanken? Ich hätte Schreiner, Schlosser oder Koch werden können. Dann könnte ich zumindest mit meinen Händen etwas bauen oder einen Teller anrichten. Ich würde Dinge bauen auf denen andere Menschen sitzen können oder die abschließbar sind.  Ich wüsste endlich welche Gewürze und Weine zu Wild passen. Die Schreiner und Schlosser hingegen wünschen sich wohlmöglich entspannte Tage im Büro, fernab von Holz- und Metallsplittern. Einfach nur auf Monitore starren, ein bisschen auf der Tastatur herum klimpern und dabei in Meetings wirklich wichtig wirken. Fantastisch!

Wie sähe wohl meine Welt aus, hätte ich damals eine Ausbildung zum professionellen Schlagzeuger begonnen? Wie sähe heute mein Arbeitsalltag als Mechaniker aus? Ich würde wahrscheinlich mit ölverschmierten Fingern unter einer Ölwanne die Grooves für die nächste Bandprobe durchgehen.

Stattdessen sitzen wir nun hier. Unser Weg durch die Schule, die Ausbildung, das Studium, die Praktika, Job 1, Job 2, usw. hat uns an diesen Punkt gebracht, meilenweit von allen Tagträumen entfernt. In diesem Moment wünschen wir uns die Welt ein Stück zurückzudrehen. Soweit bis zu jenem Tag an der Weggabelung. Bestimmte Ratgeber schlagen sogar vor noch in der Schule den weiteren Weg der Karriere bis zum Traumjob zu planen. Ist das Leben für solche Planungen nicht viel zu kurz?

Es kommt wie es kommen musste!

Das Leben ist selten planbar. Mit etwas Glück ist uns ein stringenter Lebenslauf gelungen. Doch es kommt, wie es kommen musste, der Mensch ist frustriert, gelangweilt oder unglücklich. Er  stößt an die Grenzen seiner beruflichen Tätigkeit. Er spürt die Bande gegen die er, wie im Eishockey mit voller Wucht kracht. Krachende  Banden vertragen sich nicht mit Freiheitsgefühlen. Entweder geht es auf der Karriereleiter nicht weiter oder der Stress setzt uns zu. Vielleicht sind die Kollegen unfreundlich, elitär oder irgendein anderer Faktor stimmt nicht. Trotzdem sitzen wir 8-9 Stunden pro Tag im Büro, der Werkstatt oder der Küche. Sehen unsere Kollegen öfters als unsere eigene Familie und kommen wieder zur Ausgangsposition. Warum habe ich nichts Vernünftiges gelernt? Ich könnte jetzt auf Kuba Sonnenschirme vermieten.

Die menschlichen Facetten!

Menschen sind Wesen mit enorm vielen Fähigkeiten, Vorlieben, Abneigungen, Motivatoren, Demotivatoren und Talenten. Unser Gehirn liebt die Abwechslung. Was wir bereits erreicht haben, verschwimmt vor unseren Augen und wird unbedeutend. Wir suchen ständig nach neuen Herausforderungen, schauen nicht auf unsere Füße sondern auf das Ziel in der Ferne. Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert und auf den Erfolg ausgerichtet. Wir verlieren gegenüber Altem das Interesse und wenden uns lieber neuen spannenden Themen zu. Das verschafft uns einen evolutionären Vorteil. Deswegen wirkt das Gras im Garten des Nachbarn auch immer wesentlich grüner. All diese Eigenschaften allerdings in einer einzigen Beschäftigung ausleben zu wollen, ist wie eine Tagesdecke in ein Ü-Ei zu stopfen. Wie kamen wir überhaupt auf den Gedanken 40+ Stunden pro Woche überwiegend die gleiche Tätigkeit ausführen zu wollen?

Von überholten Arbeitskonzepten!

Das Konzept des Hauptberufes, der hauptberuflichen Tätigkeit ist überholt. Lynda Gratton beschreibt in ihrem Buch „Future of Work: Future Jobs“ die weitere Zersplitterung der Zeit und Aufgaben. Wir beschäftigen uns in kürzerer Zeit mit umso mehr Dingen. Für jede Aufgabe investieren wir also weniger Zeit und regeln in erheblich weniger Zeit somit mehr Aufgaben. Laut Lynda Gratton ist eine logische Konsequenz die Spezialisierung der Berufe. Generalisten werden es nach ihrer These in der Zukunft schwer haben. Um eine solche Spezialisierung zu erhalten muss der Karriereweg früh geplant werden. Ich glaube auch, der Mensch wird sich spezialisieren allerdings nicht nur auf eine Aufgabe. Dafür sind seine Interessen und Fähigkeiten einfach zu breit gestreut. Vielmehr wird er sich auf viele verschiedene Dinge spezialisieren und somit sein Potenzial viel stärker ausschöpfen.

Vielleicht werde ich in 20 Jahren in meiner Arbeitszeit tatsächlich zu 30% professioneller Schlagzeuger sein, 20% meiner Zeit an Stühlen sägen (als Schreiner natürlich), 40% Teamleiter IT Support sein und 10% in diesem Blog schreiben. Der Rest der Zeit gehört der Familie, dem Ehrenamt oder vielleicht heimlichen Leidenschaften wie der Züchtung von Schlammhüpfern. Wir verlassen uns nicht mehr nur auf eine Erwerbsquelle, sondern streuen unsere Fähigkeiten und Talente. Im Umkehrschluss bedeutet das weniger Anforderungen und Abhängigkeiten an die Arbeitsstellen. Sie müssen uns nicht vollständig glücklich machen und für unser Auskommen sorgen. Es reicht, wenn sie einem gewissen Teilen unserer Persönlichkeit zuträglich sind. Wir profitieren damit noch stärker von unserer Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit. Außerdem erhöht sich unser Grad der Vernetzung und wir sind wesentlich unabhängiger sowie stabiler gegenüber Krisen in verschiedenen Branchen. Des Weiteren schöpfen wir die menschlichen Potenziale viel stärker aus und profitieren wiederum als Individuen.

Wichtig dabei ist natürlich, dass jede dieser Aufgaben fair entlohnt wird. Wenn heute ein alleinerziehender Elternteil sich mit drei verschiedenen Jobs über Wasser hält, hat das nichts mit New Work, Freiheit oder Fairness zu tun.

Zusammenfassung

Dieses Szenario bedeutet natürlich neue Anforderungen an das Steuerrecht, Mindestlöhne, Krankenversicherung, Behörden und an die eigene Flexibilität. Des Weiteren braucht es neue Arbeitszeitmodelle mit denen sich solche Träume verwirklichen lassen. Können Sie sich vorstellen, dass eine Firma einen Geschäftsführer für 10 Stunden pro Woche einstellt? Fänden Sie es merkwürdig Ihrem Vorgesetzten im Kino zu begegnen wenn er grade im Vorführraum den Film starten will? Wären Sie überrascht einer Kollegin mit ihrer  Gitarre in der Fußgängerzone zu begegnen?

Diese Art der Arbeit setzt voraus uns selber als Wesen mit unzähligen Möglichkeiten zu verstehen in dessen Natur es eben nicht liegt sich nur auf eine Sache zu spezialisieren. Dementsprechend sind stringente Lebensläufe innerhalb einer bestimmten Profession eigentlich nicht von Glück und Freiheit gekennzeichnet. Ich freue mich auf eine Zukunft in der ich wohlmöglich meinen Vorgesetzten sehe wie er auf der Baustelle Zement schleppt um sich das Fitnessstudio zu sparen und am selben Abend mit seiner Familie ein Konzert spielt.

Hier muss ich leider zur Formatierung greifen: Inklusion und Vielseitigkeit bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit verschiedenen Kulturen oder Andersartigkeit anderer Menschen sondern auch auf den Umgang mit den eigenen menschlichen Facetten, der eigenen Vielseitig- und Andersartigkeit.

 

 

Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!