Fachkräftemangel – Warum Stuckateure keine Tomaten sind

Fast businessGeht Ihnen die Diskussion um den Fachkräftemangel in Deutschland mittlerweile auch auf den Keks? Vor allem, weil jeder dieses Schlagwort bemüht für dessen Argument es grade sinnvoll erscheint. Ich selber habe mich dabei schon ertappt. Aber um welchen Mangel in welcher Branche bei welcher Berufsgruppe geht es denn überhaupt? Es gibt tausende von Studien welche den kurz-, mittel-, langfristigen Mangel bestätigen oder verneinen. Einen guten Überblick erhält man beispielsweise bei der Zeit, welche sich mit der Frage beschäftigt ob wir zu viele oder zu wenige Ingenieure haben.

In diesem Beitrag möchte ich versuchen die Diskussion zu objektivieren und zeigen welche Faktoren zu Verzerrungen in der Wahrnehmung des Fachkräftemangels führen können. Außerdem habe ich am Ende noch eine Verschwörungstheorie auf Lager.

Definition

Zunächst einmal definieren wir Angebot und Nachfrage. Angebot ist definiert als Menge von Gütern, welche zu einem bestimmten Preis zum Kauf oder Tausch angeboten werden. Nachfrage hingegen ist eine Entscheidung eines an der Wirtschaft teilnehmenden Subjektes für einen bestimmten Preis eine bestimmte Menge von Gütern zu kaufen (Siehe auch Gabler Wirtschaftslexikon). Ein Mangel tritt ein, wenn die Nachfrage größer ist als das verfügbare Angebot oder wenn die Nachfrage gleich bleibt aber das Angebot sich reduziert. Konsequenz dabei, der Preis steigt. Nach dieser Definition wäre der Fachkräftemangel also der Ausdruck von einer erhöhten Nachfrage ohne das diese durch das verfügbare Angebot befriedigt werden kann. Soweit so gut. Nun klären wir was überhaupt eine Fachkraft ist. Ein kurzer Blick in Wikipedia offenbart:

Eine Fachkraft ist allgemein eine Person, die eine gewerbliche, kaufmännische oder sonstige Berufsausbildung erfolgreich absolviert hat. Personen mit akademischem Grad werden seltener als Fachkraft bezeichnet. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Fachkraft, 25.01.2015)

Der Duden hingegen definiert sie so:

– jemand, der innerhalb seines Berufs, seines Fachgebiets über die entsprechenden Kenntnisse, Fähigkeiten verfügt (Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/Fachkraft, 25.01.2015)

Ich fasse zusammen. Sobald ich also eine Berufsausbildung habe oder mich in einem Fachgebiet besonders gut auskenne, bin ich eine Fachkraft (irgendwie enttäuschend). Per Definition beschäftigt sich der Fachkräftemangel somit mit einem fehlenden Angebot von Mitarbeitern mit speziellen Berufs- bzw. Branchenkenntnissen.

Indikatoren

Was sind Indikatoren für Fachkräftemangel? Das können der Anstieg von Gehältern sein oder die steigende Anzahl von Stellen am Stellenmarkt. Das klingt zunächst paradox, führt aber dazu, das auch weniger große Unternehmen wesentlich sichtbarer am Arbeitsmarkt sein müssen und dann auch schon mal zur bezahlten Stellenanzeige bei Stepstone greifen. Außerdem wittern Personaldienstleister ein großes Geschäft und strömen in die jeweilige Branche.

Stuckateure sind keine Tomaten

Vielleicht hilft zur Verdeutlichung ein kleines Rechenbeispiel: Angenommen in Deutschland werden jedes Jahr 100 Stuckatuere ausgebildet und Unternehmen stellen jedes Jahr in Deutschland 100 Stuckateure ein. Dann gäbe es eine Deckung zwischen Angebot und Nachfrage. Es gibt also weder Mangel noch Überangebot. Wenn dagegen nur 80 Stuckateure zur Verfügung stünden, gäbe es einen Mangel bei gleichbleibender Stellenzahl von 20 Stuckateuren.

Stuckateure sind allerdings keine Tomaten. Nur weil keine mehr im Regal liegen, bedeutet das nicht, das es keine mehr im Lager gibt. Der Nachfragende guckt vielleicht ins falsche Regal, ist gegenüber den verblieben Tomaten einfach zu kritisch oder erwartet um kurz vor Mitternacht noch frische Ware. Der Nachfragende weiß ja nicht wieviele Tomaten dem Supermarkt geliefert wurden. Sprich, wenn 20 Stellen bei den Unternehmen leer bleiben, muss dies nicht unbedingt mit Fachkräftemangel zu tun haben.

Welches verfügbare Angebot von Fachkräften auf welche Nachfrage trifft, hängt von diversen Faktoren ab. Grade diese Faktoren sind aber sehr weich und unscharf.  Wohlmöglich werden Tomaten an einem Tag vollständig ausverkauft und bleiben dann wenige Tage später wie trockenes Brot liegen. Eine objektive Einschätzung wird damit sehr erschwert.  Diese Faktoren gibt es bei Unternehmen, Bewerbern aber auch dem Arbeitsmarkt an sich.

Unternehmen

Entscheidend für die Attraktivität gegenüber Bewerbern ist das Image, die Größe sowie die physikalische Lage des Unternehmens. Ein Unternehmen mit einem makellosen Image in München ist wohlmöglich attraktiver als die Bruchbude in Untermhammerheim. Des Weiteren spielt die Anzahl, der ausgeschrieben Stellen eine Rolle sowie die Erwartungshaltung gegenüber dem Bewerber. Wird nur eine Stelle besetzt, ist das Auswahlverfahren sicher härter als bei zehn Stellen. Die Vergütung und zusätzliche Leistungen bestimmen ebenfalls die Attraktivität eines Arbeitgebers. Außerdem muss ein Unternehmen am Arbeitsmarkt gut sichtbar sein um schließlich auch gefunden zu werden.

Bewerber

Bewerber hingegen sind auch bestimmten Faktoren unterworfen um für Unternehmen möglichst attraktiv zu sein. Besonders attraktiv sind Bewerber mit Berufserfahrung und spezifischen Branchenkenntnissen sowie einer hohen beruflichen Qualifizierung. Der Bewerber sollte umziehen wollen und sich mit den Werten des Unternehmens identifizieren können. Die Art der Ausbildung sowie des Studiums sind ebenso ausschlaggebend. Außerdem sollten die richtigen Bewerber auch die richtigen Stellen finden.

Arbeitsmarkt

Unsere Gesellschaft wird immer älter, das ist gewiss. Unternehmen müßen somit sich schon heute um Fachkräfte von morgen Gedanken machen. Neben demographischen Effekten, ist auch die Globalisierung ein Thema. Die europäischen Länder rücken immer stärker zusammen. Wohlmöglich wandern hochqualifizierte Ärzte nach Österreich und in die Schweiz ab. Vielleicht kommen dafür aber auch talentierte IT-Fachkräfte aus Spanien und Portugal. Der Arbeitsmarkt kann somit nicht mehr isoliert betrachtet werden.

Diese Faktoren machen Aussagen zum Fachkräftemangel in Deutschland unscharf und schwammig. Darüber hinaus fehlen konkrete Zahlen über fehlende Fachkräfte. Diese werden Unternehmen nur zögerlich herausgegeben aus Angst vor der Konkurrenz. Zahlen von Absolventen und Azubis betrachten nicht ausgelernte Arbeitnehmer und vergessen das nicht jedes Studium einen Direkteinstieg ermöglicht. Nicht jeder Azubi belässt es bei einer Ausbildung. Manche knüpfen ein Studium an oder starten eine zweite Ausbildung. Eine wirklich verlässliche Aussage kann es nur unter Berücksichtigung aller Faktoren geben. Studien aus diesem Bereich beschäftigen sich allerdings immer nur mit spezifischen Faktoren oder mit einzelnen Wechselbeziehungen zwischen Arbeitsmarkt, Bewerbern und Unternehmen. Das große Ganze ist zu komplex und verhält sich nicht linear. Eine ganzheitliche Aussage ist damit unmöglich.

Die Verschwörungstheorie

Psst, der Fachkräftemangel kann aber auch Mittel zum Zweck sein. Denn letztendlich könnten große Unternehmen den sogenannten Fachkräftemangel auch als eine Art Marketingwerkzeug nutzen. Indem für die eigene Branche, die eigenen Berufsbilder ein Mangel vorgegeben wird, strömen später tausende von Azubis und Studenten in diese hinein. Immer in der Hoffnung den Mangel auszugleichen, zu einer begehrten Spezies zu gehören und sich um die Zukunft keine Sorgen machen zu müssen. Wer möchte sich als letztes Einhorn nicht gewertschätzt fühlen. So muss sich ein Unternehmen nicht so stark um Nachwuchs bemühen und lässt eher die Politik für sich arbeiten. Vielleicht trägt die Politik die Diskussion um den Fachkräftemangel der MINT-Berufe aber ganz bewusst mit, weil diese Berufe durchaus Wert für Deutschland haben. In dem viele Menschen in diese Berufe und Branchen hineinströmen tritt ein Überangebot auf. Das heißt die Gehälter sinken und Deutschland kann sich als Wirtschaftsnation im globalen Konkurrenzkampf günstiger positionieren. Das geht aber wiederum zu Lasten der Unternehmen welche tatsächlich einen Mangel haben. Diese gehen im Geplärr der Konzerne einfach unter oder haben Sie neulich in den Nachrichten mal etwas von spanischen Stuckateuren gehört (siehe Artikel in den Stuttgarter Nachrichten)?

Zusammenfassung

Aber gibt es ihn nun, den Fachkräftemangel? Liegen im Regal tatsächlich zu wenig Tomaten?  Eigentlich wollte ich dazu nur einen kleinen kurzen Artikel schreiben. Hat nicht geklapt, weil ich die Vielschichtigkeit des Problems unterschätzt habe. Wie immer, ist die Antwort weder schwarz noch weiß. Meiner Meinung gibt es den Fachkräftemangel, ja. Allerdings längst nicht in jedem Fachgebiet und jeder Branche welche in der heutigen Zeit damit in Verbindung gebracht wird oder sich selber bringt. Generell werden große Konzere weniger Probleme mit dem sogenannten Fachkräftemangel haben als KMUs. Unternehmen in München, Köln, Berlin sind dagegen besser darin Mitarbeiter anzuwerben als der Hidden Champion in Freiberg am Neckar.

Aussagen zum Fachkräftemangel sollten daher, und hier muss ich leider zur fettgedruckten Schrift greifen, nur in Verbindung mit einer speziellen Branche, eher noch mit einem bestimmten Berufsbild getroffen werden und auch nur dann wenn es Zahlen zu den fehlenden Kräften gibt und die Indikatoren überhaupt auf einen Mangel hinweisen.

Darüber hinaus sollten wir zumindest in Betracht ziehen das der Fachkräftemangel nur vorgeschoben ist. Nicht etwa um auf einen Missstand hinzuweisen, sondern um durch die mediale Berichterstattung das Nachwuchsgeschäft anzukurbeln. Immerhin wird der Mythos von Nessi in Schottland ebenfalls am Leben erhalten. Nicht um einen prähistorischen Meeressäuger aus dem Wasser zu ziehen sondern um dem Zustrom von Touristen zu sichern.

 

 

3 Kommentare
  1. Tatiana
    Tatiana sagte:

    Ein sehr interessanter und scharfsinniger Artikel. Mit schönem Humour verfeinert.

    Die Studie der Bertelsmann-Stiftung liefert auch empirische Beweise zu deinen Schlussfolerungen, wie hier bei der WirtschaftsWoche beschrieben: http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/abitur-und-realschule-bevorzugt-hauptschueler-bekommen-keine-lehrstellen/11627532.html

    Als gebürtige Russin bin ich entsetzt und kann es wirklich nicht fassen, wieso und warum 60 % der deutschen Betrieben keine Azubis mit ausländischen Wurzeln einstellen. Man beachte die Wortwahl: „mit ausländischen Wurzeln“. Ich frage mich, wer alles damit gemeint ist? Und die Gründe sind ja wirklich lächerlich! Unternehmen haben Angst davor, dass unsere Deutschkenntnisse nicht genügen oder wir sogar das (tolle deutsche) Betriebsklima stören! Wie sieht denn das deutsche Betriebsklima aus und wieso Russen und Türken es unbedingt stören werden?!

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