Interview New Work

Zuletzt nahm die Ministry GmbH mit dem Konzept der X-Teams am Xing New Work Award teil. Obwohl das Unternehmen dort nicht platziert wurde, ist das Konzept sehr spannend und hat, meiner Meinung nach, deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Deshalb habe ich mich sehr über die Gelegenheit gefreut mit Andreas Ollmann, Geschäftsführer der Ministry GmbH ein Interview in der Reihe „4 Fragen“ zum Thema New Work führen zu dürfen.

KITP.de: Herr Ollmann, vielen Dank, dass Sie sich für mich Zeit nehmen. Beginnen wir doch mit einer Definition. Was verstehen Sie persönlich unter dem Begriff „New Work“?

Andreas Ollmann: Eigentlich kommt “New Work” ja aus den Ideen des Sozialphilosophen Frithjof Bergmann. Auch wenn ich diesen Ideen über weite Strecken zustimme und z.B. auch ein großer Fan des bedingungslosen Grundeinkommens bin, benutze ich den Begriff in meinem Arbeitsalltag doch eher etwas mehr eingeengt:
Ich bezeichne damit einfach alle Konzepte, die die Erwerbsarbeit so neu organisieren möchten, dass die Erwerbsarbeit im Idealfall zu dem wird, was Bergmann “die Arbeit, die man wirklich, wirklich will” nannte. Dazu gehören für mich Organisationsmodelle und auch Arbeitsprozesse, die Menschen im Rahmen der Erwerbsarbeit Freiheit, Eigenverantwortung und Teilhabe ermöglichen.

KITP.de: Das Konzept der X-Teams, welches im Ministry Blog beschrieben wird, klingt sehr interessant. Wie sieht die Idee und Motivation dahinter aus?

Andreas Ollmann: Auslöser war: wir haben ein sehr starkes Wachstum hinter uns: in 2013 haben wir uns verdoppelt. Innerhalb eines Jahres von 24 auf über 50 Leute. Was man wissen muss: 50 Leute, das ist eine der “magischen Grenzen” in der Organisations-Entwicklung. Wenn Unternehmen die magische 50er-Grenze erreichen, sind sie mit einem enormen Veränderungsdruck konfrontiert.
Das ging uns auch so: Wir bemerkten, dass wir trotz wachsender Personalstärke langsamer wurden. Es passierten häufiger Fehler. Kunden die sonst immer hochzufrieden mit unserer Arbeit waren, ließen plötzlich durchblicken, dass es manchmal hakte…

Die meisten Unternehmen beantworten diesen Veränderungsdruck “pyramidal”: Einfach eine mittlere Managementebene einziehen, Prozesse und Berichtsstrukturen festlegen. Fertig.
Der große Schwachpunkt von pyramidal organisierten Unternehmen liegt aber schon in ihrem Grundprinzip: der Hierarchie. Befehle werden von oben nach unten weitergegeben – das Reporting läuft in umgekehrter Richtung. Die Folgen sind einfach:
Erfolge werden hochgejazzt, Misserfolge beschönigt oder verschwiegen, Learnings gehen verloren. Das Management entscheidet auf einer mit dem Wachstum immer dünner werdenen Informationsbasis. Sprich: Manche Entscheidungen werden nicht dort getroffen, wo alle relevanten Informationen dafür vorhanden sind.
Außerdem führt das dazu, dass manchmal nicht diejenigen mit den besten Voraussetzungen befördert werden, sondern diejenigen, die sich am besten zu verkaufen wissen. Konsequenz daraus: Fluktuation. Also Abwanderung von Wissen und Erfahrung. Nicht gut für ein Wissensunternehmen.
Also fokussierte sich die Herausforderung für uns vier Inhaber auf die Frage:
Wie strukturieren wir unser Unternehmen
ohne die Nachteile einer hierarchischen Organisation
so dass wir Möglichkeit zur Entfaltung bieten,
Freiheit zu selbstständigen Entscheidungen geben
flexibel bleiben,
weiter wachsen können
kunden- und ergebnisorientiert arbeiten
Werte schaffen und
innovativ bleiben?

Die Lösung für uns: Wir schufen die X-Teams!

Erklärung der X-Teams

Unsere X-Teams basieren auf einfachen Annahmen:
Selbstbestimmtes Arbeiten führt zu mehr Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun und der Übernahme von Verantwortung. Wer versteht, was er tut und warum er das tut, geht mit wesentlich mehr Begeisterung an die Arbeit. Hindernisse werden proaktiv aus dem Weg geräumt – Prozesse eigenständig optimiert. Erfolge sind für alle sichtbar. Misserfolge sind für alle nachvollziehbar und führen zur Vermeidung der Wiederholung. Am Ende dieser Entwicklung steht der Wunsch, seinen Job mit einem Höchstmaß an Exzellenz zu erledigen – nicht weil jemand anderes das von einem verlangt, sondern weil man selbst Lust darauf hat!
Anfang 2014 haben wir den Kollegen das Konzept vorgestellt und gleich eingeführt…

KITP.de: Auf welche Probleme, Widerstände oder Konflikte sind Sie bei der Einführung dieses Konzeptes gestossen und wie haben Sie diese überwunden?

Andreas Ollmann: Richtig, jetzt kommt das “aber”! Vorweg gesagt: Die X-Teams funktionieren. ABER: Der Weg dahin war und ist nicht ganz einfach.
Nach etwa zwei Monaten war die Stimmung in der Firma ziemlich im Eimer. Der Output war qualitativ und quantitativ eher schlechter geworden, Prozesse, die sich eigentlich als gut erwiesen hatten, wurden scheinbar gar nicht mehr eingehalten.
Nach einer Weile wurde auch deutlich, woran es haperte. Es gab ein großes Mißverständnis: “hierarchiefrei” wäre das Gleiche wie “Anarchie”.

Das heißt: die von uns gesehenen “Führungsspieler” haben für sich selbst verstanden, dass sie eben das genau NICHT sein dürften. Dieses Mißverständnis haben wir ausgeräumt.

Und einen “Leader”-Kreis eingerichtet, mit dem wir uns in regelmäßigen Abständen zu Führungsthemen unterhalten. Um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, wie wir bei MINISTRY Führung verstehen und leben wollen.

Außerdem haben wir für diese Führungsspieler ein Mentorenmodell aufgesetzt: jeder durfte sich einen von uns vier GF als Mentor aussuchen. Und hat mit diesem pro Woche eine halbe Stunde Zeit für 4-Augen-Gespräche.

Workshops mit den Teams zu Themen wie Angebot, Qualität und Kunden, aber auch zu Feedbackkultur und Moderation ergänzen das Angebot.
Last but not least werden die Teams fortlaufend individuell zu Prinzipien, Techniken und Tools des agilen Arbeitens gecoached. Dafür haben wir mit Susanne Reppin einen renommierten Agile Coach als Flow Minister eingestellt. Susanne unterstützt die Teams dabei, ihren Weg zu finden, zu formulieren und zu gehen.

KITP.de: Wie wird sich Ihrer Meinung nach die deutsche Arbeitskultur in den nächsten 5-10 Jahren entwickeln und wo sehen Sie in Ihrem Umfeld noch Entwicklungsmöglichkeiten?

Andreas Ollmann: Ich glaube daran, dass sich die Arbeitskultur dahin entwickeln wird, dass sich Organisationsformen wie diese immer mehr durchsetzen. Durch ein einfaches, fast darwinistisches Prinzip: wir haben immer weniger Menschen in diesem Land. Entsprechend auch weniger Menschen, die potentiell für eine Arbeitsstelle in Frage kommen.

Folgerichtig werden die Menschen sich genauer aussuchen können, wo sie arbeiten möchten. Sie sind nicht gezwungen, jeden Job anzunehmen. Gleichzeitig werden die oben genannten “neuen Anforderungen” immer wichtiger: Neben das Gehalt tritt Erfüllung und Befriedigung bei dem, was man tut. Und letzteres wird immer wichtiger, während ersteres reduziert wird auf die Finanzierung des Lebensunterhalts.

Ein weiterer wichtiger Treiber für diese Entwicklung ist die digitale Transformation. Sie schafft eine Welt, die komplex, voller konstanter Veränderung und Geschwindigkeit ist. Und sie zwingt Unternehmen, schneller und agiler zu werden. Agilität und Schnelligkeit vertragen sich aber nicht mit hierarchischen Organisations-Strukturen und extrinsischer Motivation.

Entsprechend werden Unternehmen, die sich nicht auf diese Anforderungen einstellen, auf kurz oder lang echte Probleme kriegen. Mit dem Nachwuchs – und auch mit dem Markt, in dem sie sich bewegen. Und gegebenenfalls eben verschwinden.

Entwicklungsmöglichkeiten in unserem Umfeld? Die gibt es immer. Das ist ja das Grundprinzip von Agilität und auch der X-Teams, dass wir alle gemeinsam an der Entwicklung des Unternehmens arbeiten.

Wichtig ist eben, dass allen am Unternehmen Beteiligten – und dazu gehören ganz wichtig die Mitarbeiter – dass also allen klar ist, dass wir gemeinsam auf einem Weg sind. Dieser Weg hat eine Richtung. Aber man kommt nie an – im Sinne eines faustischen “verweile doch, du bist so schön”. Das ist übrigens total normal: Unternehmen sind instabile Systeme. Man muss immer Energie hinzufügen, um sie zu stabilisieren.

KITP.de: Herr Ollmann, vielen Dank für einen sehr tiefen und aufschlussreichen Blick in Ihr Unternehmen und auch die Bereitschaft negative Erfahrungen zu teilen. Mein Verständnis von Agilität und New Work hat sich dadurch wesentlich geschärft. Ich bin überzeugt noch viele Unternehmen werden Ihrem Beispiel folgen!

Über Andreas Ollmann
andreas-ollmann-foto.256x256Andreas Ollmann ist Managing Director der Ministry GmbH in Hamburg und darüber hinaus Geschäftsführer und Gesellschafter der C-thirty 6 Hacker School sowie 6ft Rabbit Productions. Herr Ollmann studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Bremen und gewann mit seinem Team bereits diverse Preise, darunter auch der New Media Award.
Über die Ministry GmbH
Die Ministry GmbH ist eine Agentur für Kommunikation in digitalen Medien. Sie wurde 1999 gegründet und zählt inzwischen zu den etabliertesten interaktiv-Dienstleistern Deutschlands. Die Agentur realisiert kreative, effiziente und plattformunabhängige Konzepte, Kampagnen und Anwendungen auf höchstem technischem und strategischem Niveau.
Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!