Deutscher Bundestag / ReichstagSie suchen in diesem Jahr noch eine politische Gesinnung? Dann habe ich da vielleicht etwas für Sie. Wie wäre es denn mal mit Soziokratie? Keine Sorge, Soziokratie in Unternehmen hat nichts mit durchgedrehten Chefs oder Kollegen zu tun. Ganz im Gegenteil. In der Soziokratie geht es um das Argument und nicht um die Stimme. Nicht um die Mehrheit sondern den schwerwiegenden und berechtigten Einwand. Es ist eine Abkehr von klassischen Führungsmethoden (unter Verwendung von Gewalt im Sinne von Bestrafung) hin zu mehr Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung.

Der Soziokrath an sich, kennt vier Grundprinzipien

1. Es herrscht das Konsentprinzip. Übrigens, was ist überhaupt der Unterschied zwischen Konsens und Konsent? Bei einem Konsens muss ich meine Zustimmung geben, bei einem Konsent hingegen bringe ich einen berechtigten Einwand vor.

2. Die Organisation wird in Kreisen aufgebaut. Es wird allerdings dann kein Hullahup gespielt, sondern die Kreise agieren innerhalb ihrer Grenzen autonom und treffen ihre eigenen Entscheidungen. So ein Kreis könnte zum Beispiel die Finanzbuchhaltung sein oder die IT.

3. Zwischen den Kreisen existieren doppelte Verbindungen. Einerseits ein von oben bestimmter Leiter des Kreises sowie ein durch den Kreis selber bestimmter Delegierter. So sind in jedem höheren Kreis mindestens zwei Mitglieder des niedrigeren Kreises anwesend.

4. Die Kreise wählen für Funktion und Aufgabe die Menschen aus, die für die Erreichung bestimmter Ziele notwendig sind. Am Beispiel wären das also dann Kreditoren, Debitoren usw.

Wer hat´s erfunden?

Nein, das war diesmal kein Schweizer. Dieser Ansatz geht auf Gerard Endenburg, einem niederländischen Unternehmer zurück. Gelebt wird das Konzept bereits auf der ganzen Welt. Woher kommt das Wort „Soziokratie“? Ursprünglich hat es der Philosoph Auguste Comte geprägt. Er war es auch welcher das Wort „Soziologie“ erfunden hat. Später wurde es von einem amerikanischen Soziologen aufgegriffen namens Lester Ward. Dieser wiederum gilt als Gründervater der amerikanischen Soziologie. Kees Boeke, ein niederländischer Reformpädagoge aktualisierte dann die Theorien von Ward. Boeke hatte dabei die Vision einer friedlichen Gesellschaft vor Augen. Nun raten Sie mal wer Schüler bei Kess Boeke war? Richtig, Gerard Endenburg.

Wo der Soziokrath arbeitet

Neulich erst trat die oose Innovative Informatik eG bei den Xing New Work Awards mit dem soziokratischen Kreismodell an. Auf ihrer Webseite gewährt die Firma einen tieferen Blick in die Funktionsweise ihres Organisationsmodells. Die eigentlichen Entscheidungs-Prinzipien sind dabei nur ein kleiner Teil (Hier geht es zur Übersicht). Ein paar Prinzipien möchte ich aufgreifen:

Vermeidung von Demotivation

Hier hat oose grundsätzliche Demotivatoren aufgelistet. Das ist schwierig, weil Demotivatoren durchaus bei jedem Menschen verschieden sein können. Ich habe mir drei angeschaut:

  • Reisezeit ist Arbeitszeit – Schon alleine dieser Punkt ist in den meisten Firmen ein Streitpunkt denn es kommt auf das Transportmittel an. Fahre ich Auto, wird dies meist als Arbeitszeit gerechnet. Fahre ich dagegen Zug, könnte ich ja auch schlafen während der Fahrt. Das ich allerdings auch konzentriert an meinem Laptop arbeiten könnte, wird meist nicht impliziert. Eher das Gegenteil das ich schlafe. Damit drückt der Arbeitgeber seinem Mitarbeiter Pauschal das Misstrauen aus.
  • Keine zusätzlichen  monetären Anreize oder Zielvereinbarungen – Finde ich auch sehr sinnvoll allerdings wäre ich nicht grundsätzlich gegen Zielvereinbarungen. Es ist halt die Frage wie diese formuliert werden. Bei den finanziellen Anreizen wird meist ein variabler Anteil des Gehalts zurück gehalten um dann bei der Erreichung seiner Zielvereinbarung ausgezahlt zu werden. Auch hier zeigt sich das Misstrauen gegenüber dem Mitarbeiter.
  • Keine Umsatz-, Deckungsbeitrags oder Auslastungsvorgaben – So wird meiner Meinung auch aktiv politisches Verhalten reduziert. Wenn eine Abteilung also kurzfristig nicht voll ausgelastet ist, brauchen die Mitarbeiter nicht gleich Angst um ihren Job zu haben.

Individualitäts Prinzipien

Einige der folgenden Prinzipien sprengen bereits beim Lesen meine Vorstellungskraft. Bei diesen Prinzipien geht es um die freie Bestimmung der

  • Arbeitsmittel und Prozesse – Ich kann mir also aussuchen mit was und wie ich arbeite? Verrückt. Hier ist lediglich das Ergebnis entscheidend weniger der Weg dorthin.
  • Jobtiteln und Aufgabenbeschreibungen – Undenkbar in vielen Unternehmen. Schon bei der Bewerbung wird meist der Jobtitel vorgegeben aber letztendlich ist es egal wie ich mich nenne und was meine genaue Aufgabenbeschreibung ist. Das ermöglicht wiederum auch Entwicklung.
  • ethischen Grenzen bei Kunden und Aufträgen – Kann sich der Kunde mein Projekt wohlmöglich überhaupt leisten? Wird es ihn vielleicht finanziell und personell überfordern? Besonders IT-Projekte scheitern gerne. Das liegt unter anderem an der Methodik aber auch an Ressourcen grade, wenn der Fachbereich involviert wird.

Nun stellt man sich natürlich die Frage, was wenn das jemand alles ausnutzt. Es gibt ja so gesehen keine Führungskraft welche beispielsweise die Arbeitsmittel überwacht. Hier kommt allerdings der Ansatz der Verantwortung ins Spiel. Alle Mitarbeiter müssen einen verantwortlichen Umgang mit den Ressourcen der Firma üben. Das grade ist aber wegweisend weil sich dieses Modell letztendlich auf alle Aspekte des Lebens übertragen lässt. Soziokratie ist damit letztendlich ein weiterer nachhaltiger Arbeitsansatz. Soziokratie ist dabei allerdings eine Art Bauplan, eine sogenannte leere Theorie, die auf viele verschiedene Gebiete angewendet werden kann. So kann beispielsweise auch ein Meeting, ein Workshop oder eine Konferenz soziokratisch aufgebaut sein. Die Piratenpartei wählt bei Veranstaltungen ebenso diesen Ansatz.

Mich würde sehr interessieren wie dies in der Wirklichkeit funktioniert und welche Probleme es damit gibt. Braucht es nicht auch Kollegen welche über die Rahmenbedingungen wachen? Und welche Position haben diese Kollegen in der Organisation?

Mich würde Ihre Meinung interessieren. Wo wird noch nach soziokratischen Ansätzen gearbeitet? Haben Sie schon Erfahrungen damit gemacht?

Und zum Schluß ein Video

Hier nun noch ein Video von Endenburg Electronics in dem sie ihr System erklären. Im englischen wird Soziokratie auch dynamic governance genannt. Leider zeigt auch dieses Video nur die „heile“ Welt. Welche Probleme, Diskussionen und Schwierigkeiten bei der Umsetzung wird nicht gezeigt.

Zusammenfassung

Soziokratie ist ein sehr spannendes Thema und kann vielleicht nach der Vision von Kees Boeke die Welt zum Guten verändern. Ich werde versuchen noch tiefer in das Thema einzusteigen. Dazu habe ich mir vorgenommen mit dem Wunsch eines Interviews an die oose Innovative Informatik eG heranzutreten. Haben Sie vielleicht spannende Fragen welche in diesem Zusammenhang dringend gestellt werden sollten? Ich bin gespannt.

Written by Stefan Müller
Ich beschäftige mich mit den Themen transformationale Führung, intrinsische Motivation und New Work. Ich erforsche komplexe Arbeitsbeziehungen und werfe einen Blick in die Zukunft des Lebens und der Arbeit. Vernetzen Sie sich gerne mit mir unter @kitp_de auf Twitter!